Holy…

Heute will ich einen meiner Lieblingsmusiker und -dichter vorstellen. Ja, Dichter. Und ja, es geht um Eminem, den, ich oute mich gleich, größten Poeten unseres einundzwanzigsten Jahrhunderts – und das meine ich nicht subjektiv iSv nur meine Perspektive blablabla, sondern objektiv und absolut. Eminem-ist-der-beste-Texter, der derzeit über die Erdkruste läuft, und wenn es nach mir ginge, wäre er, und nicht Bob Dylan, für den Nobelpreis im Gespräch, auch wenn das nie geschehen wird.

An dieser Stelle sollte ich kundtun, was der Begriff “Poet” für mich einschließt. Ein Poet, das ist für mich ein Mensch, der eine Perspektive auf die Welt hat, die ihm nicht unbedingt hilfreich sein wird, einen Arbeitsplatz zu finden, und der diese Perspektive mit den Mitteln der Sprache in eine schlagkräftige Waffe umbaut, mit der er gegen die Wände unserer akzeptierten Realität hämmert.

Eminem tut das, indem er uns die Perspektive von unten zeigt. Er ist der Sprecher des Straßentrashs und der begrabenen, in Alkohol und Drogen ertrunkenen Träume. Das war vor zehn Jahren aktuell und heute, in einer Zeit der zunehmenden Marginalisierung der Mittelschichten und mehr und mehr prekärer Arbeitsverhältnisse sind seine Songs immer noch eine Inspiration und eine Warnung für uns.

Rock Bottom

Aber er kann auch Hoffnung. Zwischen der zynischen Abgeklärtheit seiner Drogenballaden (“Drug Ballad”), dem heulenden Lachen seiner Kriegserklärungen an die gute Gesellschaft (“Square Dance”, “White America”, “Without Me”) und den üblichen Selbst-Apotheosen des Rap (“The Real Slim Shady”, “Superman”, “Cinderella Man”) finden sich in Eminems Werk die Flecken reiner Humanität, die einen wahren Künstler ausmachen.

“You’re Never Over” ist eine Liebeserklärung an seinen erschossenen Freund Proof.

“Hailie’s Song” ist eine Anerkennung seiner Vaterschaft und Verantwortung.

“Lose Yourself” ist eine universelle Hymne des Selbstvertrauens.

“Stan” und “Bad Guy” sind Abrechnungen mit dem Ruhm, den Fans und dem berühmten Selbst.

Eminem ist außerdem ein Meister der unaffektierten Selbstironie und des schwarzen Humors. In seinem Song “Criminal” spielt er mit dem Image des kriminellen Soziopathen, das viele seiner Texte heraufbeschwören.

I’m a criminal
‘Cuz every time I write a rhyme
These people think it’s a crime
To tell ’em what’s on my mind
I guess I’m a criminal
I don’t gotta say a word
I just flip ’em the bird and keep goin’
I don’t take shit from no one

Das Rap-Genre lebt von der Provokation und in keiner anderen musikalischen Richtung entzünden sich so oft Debatten um Worte und ihre Verwendung. Während die Verteidiger gegen eine für sie negativ konnotierte Political Correctness wettern, die die Kunst einschränke, argumentiert die andere Seite nicht ganz zu Unrecht, dass Eminems Slang, in dem oft über Frauen und Homosexuelle hergezogen wird, eine negative Vorbildswirkung habe.
Andererseits, kann man einem Künstler die Imitation einer gewissen Gruppe und ihres Sprechs – auch wenn es debattierbar ist, inwieweit es sich bei Eminem nur um Imitation handelt – vorwerfen? Sollte man ihn darin zensurieren? Wo bleibt der Spielraum für Ironie und Satire?
Das Problem und der Reiz von Eminem ist die Mischung aus Ironie, Karikatur und uneingeschränkter Ehrlichkeit, in der sich seine Texte bewegen. Während man die nachgestellten Morde und behaupteten Delikte in seinen Songs wohl kaum ernstnehmen muss, gibt er in anderen Liedern wiederum schonungslos Auskunft über sich selbst, etwa die zerrüttete Beziehung zu seiner Mutter oder seine Drogenprobleme.
Talkin’ 2 Myself
Headlights (feat. Nate Ruess)
Aber abgesehen von all dem Inhaltlichen liegt Eminems größte Stärke in seiner Technik. In einem Interview mit der New York Times wurde er einmal gefragt, ob er Gedichte lese, was er verneinte. Die Frage ist nicht zufällig. Wenn man seine lyrics liest, noch besser: hört, dann fühlt man sich an die bis ins kleinste Detail ausgefeilten Gedichte des achtzehnten Jahrhunderts erinnert, an die Balladen, Hymnen und Oden, an die Gedichte eines Goethe, eines Hölderlin, eines Wieland. Eminem ist nicht literaturgebildet, er hat nur das Talent. Er fühlt die Sprache, ihren Klang, ihre phonetischen Möglichkeiten und verknüpft Bilder mit Lauten zu einem unwiderstehlichen Flow. Alliteration, Assonanz und Parallelismus sind Werkzeuge, die er mit sehr viel größerer Meisterschaft als viele andere seiner Kollegen einsetzt.
Nein, Eminem muss keine Gedichte lesen. Er ist von der High School geflogen und hat sich seine Erfahrungen am Rock Bottom des Lebens geholt, seine Texte auf zerknittertes Papier gekritzelt in der Hoffnung, irgendwann von seinem Talent leben zu können. Er ist der wahre American Dream und man könnte sagen, seine Existenz selbst ist die reinste Poesie von allen.
Hier, um abzuschließen, “Lose Yourself”. Wem dabei nicht schwindlig wird, der hat keine Ohren.