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Es hatte harmlos begonnen. In der Nacht auf den einunddreißigsten Juli war eine Gruppe Studenten der theologischen Fakultät über den Gusseisenzaun geklettert, der den Ort der Gelehrsamkeit von den Gassen der Salzburger Innenstadt trennte. Mit dabei hatten sie lange, viereckige Holzpfosten gehabt, die sie benutzten, um an den Stangen hochzukommen, und dann von der anderen Seite durchzogen.

Als die Hausmeister am nächsten Morgen um acht das Gebäude für Fakultätsmitglieder und Studenten öffneten, bemerkten sie die Seltsamkeit erst, als eine Studentin erschrocken aufschrie und auf die an die den Hof säumenden Säulen gebundenen Holzkreuze deutete, an denen sich die drei Studenten in Unterwäsche und an Hand- und Fußgelenken festgebunden hatten, die Arme ausgebreitet, den Kopf gesenkt. Sie wirkten wie tot.

Im Nachhinein befragt, wie sie denn auf die Idee gekommen seien und vor allem, was sie damit hätten ausdrücken wollen, gaben die drei Unklares von sich, nur einer von ihnen, ein langhaariger, bebrillter Wirrkopf, stammelte etwas von Kindesmissbrauch und Haltung einnehmen. Befragt, was sie tun würden, wenn man sie gehen ließ, sagten sie einstimmig, sie würden sich wieder kreuzigen. Das war das erste Warnsignal.

Der Fall hätte als Kuriosität in die Annalen der jüngeren Salzburger Zeitgeschichte eingehen können, ohne dass weiteres Aufheben darum gemacht worden wäre, wenn nicht eine Woche später auf dem Mönchsberg zwei Spaziergänger die erste echte Kreuzigung entdeckt hätten.

Das Holz erhob sich an einer Stelle des Bergs, die mitten in das Stadtpanorama hineinstieß, so dass es auch von der Altstadt aus gesehen werden konnte, und es klemmte so unverrückbar in einer Felsspalte, dass sich die Experten den Kopf darüber zerbrachen, wie die zwei Meter hohe Konstruktion so fest und rechtwinklig in den Grund hatte getrieben werden können, ohne dass dies irgendjemandem aufgefallen wäre. Der Felsvorsprung war für einen einzelnen Menschen schon riskant zu erreichen, undenkbar, dass jemand mitsamt einer Leiter und der massiv schweren Holzkonstruktion – doch wo hätte diese Person sie anlehnen sollen? – dorthin gelangt sein könnte. Um das unbemerkt zu tun, hätte es außerdem Nacht sein müssen, und niemand konnte sich vorstellen, dass es in Finsternis oder Taschenlampenlicht machbar wäre.

Das Rätsel des Kreuzes verblich jedoch vor dem Menschen, der daran hing, oder eher stak, nackt, männlich und tot. Die Eisenpflöcke, an der sich der Tote aufgespießt hatte – daran, dass jemand anders ihn aufgespießt haben könnte, dachte niemand, denn die Studenten hatten sich ja schließlich auch alle selbst aufgehängt (aber stimmte da etwas nicht?) – waren von vorne und mit ungeheurer Kraft durch das Buchenholz getrieben worden und ragten auf der Hinterseite noch auf gut zehn Zentimeter heraus. Dabei spalteten sie das Holz nicht, nicht die Spur eines Risses fand sich. „Saubere Arbeit“, urteilte bewundernd ein hinzugezogener Tischler.

Der Tote, stellte sich heraus, war schon lange tot, sein Gesicht käseweiß und starr, und als man ihn herabnahm, passierte es, dass eine seiner Hände mit einem übelkeitserregenden Schmatzen abriss und zu Boden klatschte, denn das Fleisch um die Wunde, in der sich fröhlich weiße Maden kringelten, war schon so aufgeweicht, dass ein kleiner Ruck gereicht hatte, dem sich auch der zersplitterte Unterarmknochen nicht widersetzen konnte.

Die Aufregung in Volk, Medien und Politik war groß; die Tatsache, dass für Wochen, wie sich nun herausstellte, eine verrottende Leiche an einem Holzkreuz über der Stadt gehangen war, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre, sorgte für Empörung, Fassungslosigkeit, Wut. Der Druck auf die Polizei, die Identität der Leiche festzustellen, wuchs von Tag zu Tag. Doch Erkenntnisse ließen auf sich warten. Niemand vermisste ihn, niemand kannte ihn, er hatte nichts an sich, das ihn ausweisen konnte. Kurz: die Situation war unbefriedigend.

Drei Wochen nach dem Fund tauchten drei weitere Kreuze auf. Das erste wurde auf dem Zentralfriedhof gefunden, als eine alte Dame sich bückte, um ein Grablicht auszutauschen und im Aufstehen bemerkte, dass die Grabskulptur neben ihr doch sehr fleischlich aussah…
Das zweite fand sich mitten auf dem Residenzplatz, feucht und fasrig von dem Wasser, mit dem die Pferdeköpfe es bespien hatten, das dritte auf dem Dach des neuerbauten Universitätsgebäudes, wo es sich schwärzer von der schwarz aufragenden Festungsfassade abhob.

Der Unterschied war diesmal, dass die Gekreuzigten noch lebten. In zwei Fällen konnten sogar Zeugen gefunden werden, die gesehen hatten, wie die Angepfählten am Vortag mit dem Kreuz auf dem Rücken auf den Residenzplatz respektive das Universitätsgebäude gehumpelt waren. Warum sie niemanden verständigt hatten? Das Schleppen der Kreuze schien in dem Moment einfach seine Berechtigung zu haben, sagten sie. Das nächste Warnsignal.

Die Unglücklichen wurden rasch ins Landeskrankenhaus gekarrt und blieben zunächst nicht ansprechbar. Der einzige Anhaltspunkt, den man hatte, war, dass alle drei, als sich die Retter näherten, darum gefleht hatten, hängenzubleiben. Je näher die Sanitäter gekommen waren, umso mehr hatten sie gezuckt und geschrien und sich verwehrt, wobei sie sich natürlich mit durchbohrten Händen und Füßen schlecht verwehren konnten, aber damit sie sich in ihrer Panik nicht noch mehr verletzten, hatte man sie wie tollwütige Hunde aus der Ferne betäuben müssen, bevor sie heruntergeholt werden konnten.

Nach diesen Ereignissen befand sich die Stadt im Ausnahmezustand. Höchster Alarm wurde geschlagen, auch wenn niemand wusste, wogegen eigentlich. Stadtpolitiker setzten einstimmig ein Kreuzverbot in Schulen durch, der Eintritt in Kirchen wurde bis auf Weiteres verboten, die Wendung „Grüß Gott“ pietätsvoll vermieden, auch wenn das einigen Bürgern doch entschieden zu weit ging.

Es half nichts. In der folgenden Woche gerieten die Dinge außer Kontrolle. Laufend gingen in der Notrufzentrale Meldungen über entdeckte Kreuze ein, an denen teils Leichen, teils mehr oder minder Lebendige hingen. Das Rote Kreuz schwärmte aus und oft mussten die Sanitäter in Parks und Wäldern, in öffentlichen Schwimmbädern, Kinos oder Einkaufszentren einrücken. Einige Verletzte, deren Lebenszeichen von den Anrufern falsch gedeutet worden waren, starben unterwegs, wodurch die Stadt sich gezwungen sah, Flyer drucken und verteilen zu lassen, auf denen genau (grafisch!) beschrieben wurde, auf welche Zustandsmerkmale man einen Gekreuzigten hin untersuchen sollte. Die Todesrate ging dadurch relativ hinab, absolut aber stieg sie. Kreuze schienen an allen Ecken und Enden, an den möglichsten und unmöglichsten Orten der Stadt aufzutauchen. (Eines fand sich auf dem Arm eines Kranes stehend wieder, ein anderes hing aus den Fenstern der Gesundheitskrankenkasse.)

Das Beunruhigendste an dem Phänomen war seine Unvorhersehbarkeit. Jeden Tag schien die ganze Stadt geeint in dem Horror und Entsetzen, die die Kreuzigungen auslösten. Keine einzige Stimme erhob sich zur Verteidigung der eigenartigen Praxis. Doch am Tag darauf fand sich die Bischofsstadt erneut und verstärkt von Holzkreuzen akupunktiert.
Dazu kam noch, dass man nicht wusste, ob man es mit einem Verbrechen zu tun hatte oder nicht. Es war sinnlos, die „Geretteten“ zu befragen, die wollten die Zeit am Kreuz nämlich so rasch wie möglich als eine kuriose Episode hinter sich lassen und nicht mehr darüber sprechen. Stieß man zu hartnäckig nach, begannen sie es zu leugnen. Manche zogen in der Folge weg. Und die Unsicherheit zog ein. Bürger, die mit Kreuzen nichts zu tun haben wollten, gingen nur noch selten aus und wenn dann in wachsam dreinblickenden Gruppen mit geringen Toleranzschwellen für Unerwartetes.

Soziale Netzwerke boomten. Da man sich nicht mehr in Cafés oder Gasthäusern traf, musste man es virtuell tun, nur dort konnte man sicher sein, sicher zu sein. Aber auch das konnte auf Dauer keine Lösung sein und die Angst breitete sich so noch schneller aus.

Es kam die Idee auf, den Klerus um Rat zu fragen, doch hatte der sich buchstäblich verflüchtigt. Wie sich herausstellte, war die Institution Kirche anfälliger für das Phänomen der Kreuzigung als der Normalbürger. Niemand wusste genau zu sagen, wann der letzte Pfarrer, Mönch oder Theologieprofessor gesehen worden war. Die Stadtregierung beschloss daher als Nächstes, die Bundesregierung um Hilfe zu bitten. Worum genau sie bitten sollte, wusste sie dabei selbst nicht.

Aber eine Präzisierung erübrigte sich. Da das Geld knapp war, verwies die Regierung auf Sparzwänge und fügte außerdem an, dass man ohnehin nicht jedes mittlere Problem einer Gemeinde gleich mit geballter Staatsmacht bekämpfen könne. Wie würde das denn aussehen! Die Parteikollegen sollten sich etwas einfallen lassen, dafür seien sie schließlich gewählt worden.

Der Bürgermeister schäumte vor Wut und donnerte den Hörer auf die Gabel. Verfluchte Zentralisten, ja, nun hielten sie ihn auf einmal wieder hoch, den Föderalismus! „Halten Sie die Stellung!“, bellte er seinem verdatterten Assistenten zu, warf sich dann den Mantel über und stürmte auf den Mirabellplatz hinaus.

Sowie er an der Luft war, umgab ihn eine Kakophonie von Stöhn- und Ächzlauten, Schreien und Wimmern. Er riss die Augen auf, als er sah, dass er sich inmitten eines Waldes aus Kreuzen befand. Gut tausend mussten es sein, auf dem Platz, auf der Straße, überall. Eine Massenkreuzigung in Nero’scher Tradition und maximaler Diversität: Männer, Frauen und Kinder waren „am Holz“, wie man inzwischen dazu sagte. Sie stießen zischende Laute aus und starrten ihn aus aufgerissenen Augen an und als er genauer hinhörte, verstand er unter den schmerzverzerrten Artikulationen den Wunsch, in Ruhe gelassen zu bleiben. Dann dämmerte ihm etwas. Es war so still gewesen drinnen. Er trat einen Schritt zurück in die Kühle der Vorhalle. Sofort verstummten die Laute. Gespenstische Stille herrschte. Er zeigte sein Gesicht: das Jammern setzte wieder ein. Er zog es zurück: nichts. Kein Laut. Den Politiker packte das Grausen, er wandte sich um und stürmte die Treppen hoch, zurück in sein Büro. „Mayer!“, schrie er, „Mayer, sehen sie das?! Das ist doch -!“ Er verstummte abrupt vor dem Holzgerüst in seinem Büro. „Lassen Sie mich, lassen Sie mich oben, Herr Bürgermeister!“ Auch der noch! Der Stadtchef verstand die Welt nicht mehr. Hatten alle außer ihm den Verstand verloren, oder war es umgekehrt?

Dieser Tag war der Höhepunkt. Mit ihm schien aus irgendeinem Grund irgendein Maß voll: Die Zahl der Kreuzigungen ging von nun an drastisch zurück, man sah nur noch selten die unheilvollen Holzkonstruktionen und schließlich waren sie gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden. Autos befuhren wieder die Straßen und Pensionisten führten ihre Hunde auf den Gehsteigen Gassi. Der Bürgermeister fand einen neuen Assistenten und bald schien alles beim Alten zu sein.

Dann ging es mit den Geißelungen los.