Ich wollte mich ein wenig in der österreichischen Fantasyszene kundig machen und habe mich an eine von Heinz Sichrovskys erLesen-Sendungen auf ORF III erinnert, in der es um deutschsprachige Fantasy / Phantastik (ein viel hübscheres Wort!) ging. Eingeladen waren unter anderen der Overlord des Genres, Wolfgang Hohlbein, und, auf österreichischer Seite, Ursula Poznanski. Ich war zu dem Zeitpunkt hauptsächlich an dem notorischen Schnellschreiber Hohlbein interessiert, und der kam nach seinem Auftritt nicht mehr viel zu Wort, weswegen ich dann rasch ausgeschaltet habe. Obwohl mich das Label “österreichische Fantasy-Autorin” interessiert hat, habe ich die Sendung nicht wegen Poznanski zu Ende gesehen. Sie schien mir irgendwie zu alt und bürgerlich, ein typischer Fall der Damen-Schriftstellerin à la Nora Roberts und Co (Was für billigen Klischees man doch unterliegt, selbst wenn man sich gebildet schimpft. Sorry, Frau Poznanski).

Aber der Name ist hängen geblieben, und als ich nach mehreren Versuchen, wieder einmal ein Hohlbein-Buch zu lesen, an mäandernden Plotlinien und ewig langen Beschreibungen gescheitert bin, habe ich beschlossen, doch noch einmal nachzusehen, wie die österreichische Phantastik-Landschaft eigentlich aussieht. Dabei ist mir der Name Poznanski wieder eingefallen und ich bin in die nächste Buchhandlung gegangen und habe mir “Erebos” gekauft.

“Erebos” ist eigentlich mehr Jugendbuch als Fantasy (zugegeben, der Unterschied ist da ja oft sehr feinlinig). Die Handlung spielt in London und dreht sich um einen Siebzehnjährigen namens Nick Dunmore, an dessen Schule ein geheimnisvolles Computerspiel namens Erebos zu zirkulieren beginnt, das mehr und mehr Schüler in seinen unheilvollen Bann zieht. So auch Nick. Eskalierungen folgen, Mechanismen setzen ein, die an “Die Welle” erinnern, und irgendwann muss Nick sich entscheiden, wie weit er auf diesem Weg noch gehen will.

“Erebos” war ein durchschlagender Erfolg, hat im ersten Jahr über hunderttausend Exemplare abgesetzt und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Nach der Lektüre wird durchaus verständlich, warum. Grob gesagt ist das Buch ist eine spannende Mischung aus Thriller und didaktischer Parabel über die Gefahren der Onlinesucht, wobei natürlich auch die ganze Klaviatur pubertärer Lebenszweifel und Sehnsuchtsstürme bespielt wird. Vor allem ist es aber einfach eine gute Story.

Was mich an dem Buch von Anfang an und hauptsächlich beeindruckt hat, war die Expertise, mit der die Autorin den Sog beschrieben hat, den MMORPGs auf unbedarfte Individuen ausüben können. Ich selbst komme aus einer Generation, in die die Bombe “World of Warcraft” verheerend eingeschlagen hat, und finde auf jeder Seite Bekanntes: die Selbsttäuschungen und Rationalisierungen, mit denen man nach und nach anfängt, das wirkliche Leben dem virtuellen unterzuordnen (Ich DARF das einfach nicht verpassen; nur noch ein paar Level und ich kann…), das Beiseiteschieben realer Verprlichtungen für schnelle virtuelle Belohnungen, die zunehmende Einseitigkeit der Interessen. Die Zeit, die ich in World of Warcraft verbracht habe, war oft schön und von sozialen Erfahrungen geprägt, aber Tatsache ist, dass es Zeit ist, die der Schule, den Beziehungen zu meinen unmittelbaren Mitmenschen, dem allgemeinen Projekt “Leben” entzogen worden ist wie ein Virus Nährstoffe von den Körperzellen entzieht, die eigentlich für sie bestimmt sind. In dieser Hinsicht kann man “Erebos” als eine für Jugendliche in Nicks Alter sehr wichtige Lektüre sehen. Der Leser beobachtet Nick dabei, wie er für das Spiel seine Ambitionen, Arzt zu werden, durch immer schlampigere Schularbeiten zu gefährden beginnt, wie er sich dem Mädchen, in das er verschossen ist, entfremdet, und wie er die Beziehung zu seinem besten Freund aufs Spiel setzt. “Erebos” schlägt am Ende zwar eine andere Richtung ein als zuerst erwartet, aber dieses Stehlen von Lebensenergie und dem Bezug zur Realität, obgleich völlig realistisch, hat durchaus Elemente des Horrors. “Erebos” ist auf weiten Strecken auch ein schauriges Buch.

Interessant ist auch, wie Poznanski Nicks Spielen schildert. Sie wechselt dazu ins unmittelbare Präsens und macht Nicks Avatar Sarius zur Bezugsperson, deren Erlebnisse sie schildert, wie sie es in einem konventionellen Fantasy-Roman tun würde. Wahrscheinlich hat diese Technik sie in den Augen vieler zu einer “Fantasy-Autorin” werden lassen, obwohl sie das tatsächlich eher (noch?) nicht ist.

Was gibt es abschließend zu sagen? “Erebos” ist ein Jugendbuch, ein sehr spannendes, leichthändig geschriebenes Jugendbuch, das aber auch für Erwachsene seinen Reiz haben kann, und nicht nur für besorgte MMORPG-Elten, obwohl ich es solchen, die dabei sind, es zu werden, dringlichst empfehlen würde. “Erebos”, das bereits 2010 erschienen ist, hat auch die durchgehende Digitalisierung unseres Lebensalltags bereits aufgenommen, was zeigt, dass Poznanski die heutige Lebensrealität eines Teenagers durchaus versteht. Nick surft auf Twitter, Facebook und Deviantart herum, und Google ist ihm stets ein treuer Helfer (Er weiß wohl noch nichts von DuckDuckGo, der freundlichen Suchmaschine).

5/5 Sachen für ein Buch, das elegant mit den Mischformen unserer heutigen pluralen Realitäten spielt, und dabei eine spannende, aufs Wesentliche konzentrierte Geschichte erzählt.

(PS an self: Mal sehen, wen es in Ö. noch so neben Poznanski gibt, das war ein vielversprechender Anfang.)

Danke an den Loewe Verlag für das Bild. Mehr Infos und Kaufmöglichkeiten unter: http://www.loewe-verlag.de/titel-0-0/erebos-4322/

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