Große Aufregung in dem Medien über das Phänomen “Shitstorm.” (Übrigens das abstoßendste Wort, das in jüngerer Zeit seinen Weg in den deutschen Wortschatz gefunden hat. Warum? Warum bloß?)

Fälle wie die von Markus Lanz, Elke Lichtenegger oder dieses Gastwirts mit dem Zucker, die sich aus bestimmten Anlässen den Zorn eines nebulösen Online-Schwarms zugezogen haben, werden als Beispiele dafür angeführt, wie ein anonymer “Mob”, der sich hinter tausendundeinem Nickname versteckt, psychologischen Terror auf seine Ziele ausübt.

Ich behaupte, das ist eine elitäre Formulierung.

In seinem Leitartikel im neuesten profil schreibt Christian Rainer: “Ich bezweifle, dass wir hier überhaupt von Meinungen in Medien sprechen. Wer Postings, Nachrichten, Tweets im Auge eines Shitstorms (und oft auch im Normalbetrieb des digitalen Apparates) durchwühlt, sieht wenig, was einer sinnvollen Wortbedeutung von Meinung gerecht würde.”

Eine Definition von “Meinung” bleibt der Autor bei der Äußerung dieser seiner Meinung schuldig. Vielmehr bezeichnet er den überwiegenden Teil der Äußerungen als “[anonyme] Beschimpfungen und nicht [überprüfte] wie auch [unüberprüfbare] Anschuldigungen”. Dabei vermischt er seine Auffassung von Journalismus, die überaus ehrenwert ist, und die wahre Natur des …. na gut, von mir aus, wenn die Sprachgemeinschaft dieses Wort will (wobei ich das bezweifle, es sind eher die Journalisten, die sich mehr und mehr vom techno-amerikanischen Sprachduktus eben dieses Internets leiten lassen, das hier kritisiert wird) … Shitstorms.

Sehen wir uns die drei zitierten Fälle noch einmal genauer an. Die Markus-Lanz-Petition, die Anfang des Jahres Furore in den deutschen Medien gemacht hat, hatte als Anlassfall das Gespräch des Talkmasters mit der Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht, in der der Ansicht einer Zuseherin zufolge die Politikerin von dem Angestellten des staatlichen ZDF weniger als korrekt behandelt worden sei. Diese Ansicht konnte man teilen oder nicht, jedenfalls wurde ihre Petition gegen den vom Steuerzahler bezahlten Talkshow-Host zu einem Sammelbecken für Deutsche, die mit der Art und Weise, wie der Staat ihre Gelder in dem von ihm betriebenen Fernsehen verwendet, unzufrieden waren.

Fall zwei. Die Moderatorin eines österreichischen Mainstream-Radiosenders lässt in einem Interview einen Ignoranz verratenden Satz zu einer österreichischen Band los, was bei vielen Hörern, die mit der jahrzehntewährenden Stiefmutterbehandlung österreichischer Musik durch den von Steuergeldern gestützten Sender unzufrieden sind, einen empfindlichen Nerv trifft. Reaktion: Protest.

Fall drei: Ein “Star”-Gastronom entlässt einen Kellner, weil der angeblich Zucker aus dem Besitz des Wirts für die eigene Jause verwendet habe. Die Masse findet das ungerecht und reagiert.

Bei genauerer Betrachtung tut das Internet hier also nichts anderes, als auf die Präsentation von Tatsachen durch andere Medien zu reagieren. Und ist das nicht eine der Aufgaben der Medien? Veränderung durch Berichterstattung? Aber Herr Rainer beschwert sich nun über genau das.

Was sind journalistische Texte denn anderes als Meinungen? Harald Martenstein von der ZEIT nennt sie in einer Reaktion auf den Kommentar eines Lesers Vorschläge:

“Beim Schreiben gibt es ein paar Regeln, Dramaturgie, Struktur, Satzbau, Pointen, das ist gar nicht so einfach, glauben Sie mir. Wenn Sie eine Geschichte erzählen, können Sie es langweilig oder spannend tun. Auf dem Gebiet des Geschichtenerzählens sollte ein guter Journalist Experte sein. Dass wir uns gelegentlich irren, mich eingeschlossen, ist eine Selbstverständlichkeit. Irren Sie sich nie? Jeder Text ist ein Vorschlag. Ich mache nur Vorschläge, lieber Zeilenknecht. Gegenvorschläge sind jederzeit willkommen. Und wenn Sie sich über einen Text ärgern, ist das doch wunderbar. Ich jedenfalls liebe ärgerliche Texte, das macht mich produktiv und bringt mich dazu, die drei oder vier Wahrheiten, die ich für gesichert halte, auf den Prüfstand zu stellen. Was haben Sie gegen Oberlehrer? Lehrer braucht man doch. Ich habe viele Lehrer gehabt, denen ich dankbar bin. Und falls der Oberlehrer kompetenter sein sollte als der Unterlehrer, na, dann nichts wie her mit dem Oberlehrer. Ich selber sehe mich nicht als Oberlehrer. Ich mache nur Vorschläge.

Wenn das die Realität journalistischer Arbeit ist, na vielen Dank. Dann ist auf jeden Fall auch der Shitstorm gerechtfertigt. Denn er hat nicht einmal journalistische Ansprüche. Er ist nichts anderes als eine Äußerung. Keine Meinung, sondern eine Äußerung. Eine Äußerung von Empörung, die, da gebe ich C. Rainer bedingt recht, durch die Anonymität des Netzes extremer formuliert daherkommt, als dies der Fall sein sollte, andererseits aber durch den Anspruch einer Veränderungsgewalt auch stark formuliert sein muss. Denn ist es nicht so, dass die Maxime, stets höflich zu sein und das Gesicht aller Anwesenden zu wahren, egal was für Mist sie gebaut haben, eine ist, die raubende Banker und korrupte Politiker schützt, aber niemanden sonst? Ja, liebe Elite, zu der ich auch Sie zähle, Herr Rainer, es mag unbequem sein, aber die technologische Veränderung, die Vertreter ihrer Klasse vorantreiben, und von der zu profitieren auch das profil sich durchaus bemüht, wenn ich mir die neu erschienenen social media widgets auf ihrer Webpräsenz so ansehe, funktioniert nicht nur in eine Richtung. Das Wahl- und Zahlvieh muss sich prostituieren, um diese Dienste in Anspruch nehmen zu können, aber im Gegenzug erhält es, noch zumindest, die Macht, seine “Meinung”, der von oben herab diktierten entgegenzuhalten. Sie mag oft undifferenziert, ungeschliffen und ungehobelt daherkommen, aber es ist die Meinung des Bodens, auf dem die Demokratie fußt. Das mag Elitisten, die sich mit denselben Politikern, die sie vorgeben, zu kritisieren, auf High Society Events herumtreiben, nicht gefallen, aber es ist die Wahrheit.

Welcome to the 21st century. It’s a helluva place.