Wie wunderbar ist es, wenn ein wichtiger Autor achtzig Jahre nach seinem Tod noch so produktiv ist?

Die Novelle “Später Ruhm” von Arthur Schnitzler, letzte Woche bei Zsolnay erschienen, ist ein bisher unbekanntes Werk des Schriftstellers, das von Wiener Germanisten in dessen Nachlass in Cambridge entdeckt wurde. Sie erzählt von dem alten Beamten Eduard Saxberger, der in seiner Jugend einmal mit der Dichterei kokettiert hat, aber wie die meisten anderen seiner Zeitgenossen von der nüchternen Realität in eine Beamtenlaufbahn gedrängt wurde. Eine neue Lebensbrise erreicht ihn (scheinbar) mit der Ankunft eines “Abgesandten” aus einem Kreis junger Künstler, deren Zeit, so der Bote, der sich als “Wolfgang Meier, Schriftsteller” vorstellt, noch kommen werde. Das “junge Wien” seien sie, und an ihrer (noch) bestehenden Obskurität gibt er den Problemen die Schuld, die schon seit Zeiten Homers die Plage der Autoren sind: “Der Neid der Talentlosen, die Leichtfertigkeit und Böswilligkeit der Rezensenten und dann die entsetzliche Teilnahmslosigkeit der Masse.” An dieser Stelle ahnt derjenige Böses, der die Sorglosigkeit kennt, mit der sich manche marginal oder gar nicht veröffentlichte Schreibende den Titel “Schriftsteller” verleihen. Wird er damit Recht behalten? Wer weiß? Mehr sei hier zur Handlung nicht mehr gesagt.

Für Leute, die ein wenig mit der Zeit vertraut sind, liegt es nahe, in der Novelle eine Anspielung auf die Kaffehausszene des Wiens um die Jahrhundertwende zu sehen, jene hübsch-verklärte Zeit der klimpernden Porzellantassen und klappernden Kutschenräder, in der sich die Hofmannsthals und Altenbergs und Bahrs und auch Schnitzlers an den runden, gusseisernen Tischchen versammelt haben, um unter viel Kaffee- und Zigarettengenuss über die Zeit, die Literatur und das Leben an sich zu diskutieren. Aber der Text ist natürlich mehr als das. Was ihn für mich so interessant macht, ist sein Schwanken zwischen dem Tragischen und dem Komischen. Nicht leicht zu sagen, was hier überwiegt. “Tragikomisch” scheint hier einmal wirklich der angemessene Begriff. Schnitzler war beim Verfassen des Textes zweiunddreißig und an der Schwelle zum Erfolg. Nur stand für ihn noch nicht fest, ob er sie auch überschreiten würde. Die Novelle erzählt von jungen Literaten, die den Pathos und die Selbstwichtigkeit umschwärmter Autoren beherrschen, aber das Handwerk selbst eher weniger, bzw. es kaum ausüben. Kann man in der Novelle eine Verarbeitung von Schnitzlers Angst erkennen, vielleicht zu diesen Autoren zu gehören?

Der alte Saxberger jedenfalls, der von seinem Leben nicht mehr viel erwartet hat, beginnt unter den Begeisterungsstürmen seiner jugendlichen Verehrer noch einmal vom Dichten zu träumen. Er verwandelt sich in einer umgekehrten Kafka’schen Metamorphose vom ruhigen, selbstgenügsamen Seniorbeamten in einen bewunderten “greisen Dichter”, dessen Wort zählt. Dass dies nur auf seine Eigenwahrnehmung beschränkt bleibt, entgeht ihm.

“Später Ruhm” ist ein Text über die Verlockungen des Poetentums wie über dessen Eitelkeiten. In schlichter, unaufgeregter Sprache malt er das Bild eines intellektuellen und künstlerischen Wiens, das unserer fame-und-success-orientierten Gegenwart gar nicht so unähnlich ist. Pflichtlektüre für jeden, der sich Schriftsteller nennen möchte. Bestehen Sie den Saxberger-Test?

Danke an Zsolnay für das Bild. Kauft das Buch hier, NICHT auf amazon: “Später Ruhm” bei Zsolnay