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Ovid-Statue in Sulmona

Ovid, römischer Dichter lebendig um den Beginn unserer Zeitrechnung, tätig zur Zeit des Augusteischen Friedens, Spross einer Ritterfamilie, rhetorisch ausgebildet in Rom und Athen, im Jahr 8 nach Christus aufgrund eines obskuren Skandals vom Kaiser verbannt.

Hauptwerk: Metamorphoses, Sammlung verschiedener Mythen der griechischen, später römisierten Mythologie, deren roter Faden die Gestaltwandlung ist.


Die Metamorphosen sind eines dieser antiken Werke epischer Breite, die kaum jemand noch liest, deren Erbe aber nach wie vor auch in unserer Gegenwartskultur lebendig ist. Dabei stellt Ovid in seiner Bildhaftigkeit und Beschreibungspotenz vieles seither und noch heute Geschriebenes in den Schatten.

Hier zum Beispiel eine Stelle, in der Dryope zu einem Baum wird, nachdem sie unwissentlich von einem Baum Blüten gepflückt hat, der den “verwandelten Leib” der vor dem “geilen Priapus” fliehenden Nymphe Lotis birgt:

 

Sie fleht zu den Nymphen,

Will voll Bestürzung sich wenden und gehn, da haften in Wurzeln

Fest ihr die Füße. Sie müht sich, sie ringt, wieder los sich zu reißen,-

Kann ihren Leib nur noch oben bewegen. Allmählich von unten

Wuchs die Rinde ihr zäh und umschloß ihr gänzlich die Weichen.

Als sie es sieht und versucht, mit der Hand sich die Haare zu raufen,

Füllt sie mit Blättern die Hand: das Haupt bedeckten ihr Blätter.

Aber Amphissus, der Knabe, – denn Eurytus hatte, sein Ahn, ihm

Diesen Namen verliehn – er fühlt sich verhärten der Mutter

Brust; seinem Saugen folgt nicht mehr der nährende Milchquell.

Ein Hollywood-Regisseur könnte sich keine bessere bildliche Planung für eine Szene wünschen.


Ich rufe nun im FictionLife die Ovid-Tage aus und sehe mir hier jeden Tag einen der Mythen aus der Sammlung näher an. Dabei folge ich der Reihung Ovids, der in über 12 000 Versen  von der Urzeit der Weltentstehung über das mythische bis ins heroische Zeitalter geht, bis in seine römische Gegenwart hinein. Meine Auswahl treffe ich dabei willkürlich nach Laune, Farbigkeit und Einzigartigkeit des Mythos. Beginnen werde ich bei Ovids Anfang, der der Anfang der meisten Urgeschichten ist: beim Chaos.


OVID-Myhos 1 Vom Chaos und den Elementen

Jede Weltgeschichte muss einen Anfang haben und der beginnt meistens mit dem Anfang der Welt.

Vor dem Meere, dem Land und dem alles deckenden Himmel

Zeigte Natur in der ganzen Welt ein einziges Antlitz.

Chaos ward es benannt: eine rohe, gestaltlose Masse,

Nichts als träges Gewicht und, uneins untereinander,

Keime der Dinge, zusammengehäuft in wirrem Gemenge.

Das wirre Gemenge, wie Ovid es beschreibt, ähnelt auf interessante Weise der Ursuppe, in der heutige Wissenschaftler den Beginn der ersten Zellen vermuten.

Und, wenn Erde darin auch enthalten und Wasser und Luft, so

War doch die Erde nicht fest und war das Wasser nicht flüssig,

Fehlte der Luft das Licht. Seine Form blieb keinem erhalten;

Eines stand dem Andern im Weg, denn in ein und demselben

Körper lagen das Warme und Kalte, das Trockne und Feuchte,

Weiches und Hartes im Zwist und Schwereloses mit Schwerem.

Für Ovid ist es “ein Gott”, der unbestimmt bleibt, welcher den Zustand des Chaos beendet. Diese Tätigkeit beschreibt er wie die eines Landschaftsarchitekten (oder vielleicht auch eines Chemikers):

Als nun wer es auch war von den Göttern, das wirre Gemenge

So zerteilt und geschieden und dann zu Gliedern geordnet,

Ballte zunächst, damit ihr Gleichmaß fehle an keiner

Stelle, die Erde er fest zur Gestalt einer mächtigen Kugel […]

Von der Ellipsenform unseres Planeten hatte damals offenbar noch niemand etwas gehört. Jedenfalls sorgt unser unbekannter Gott, ein einziger Gott, wohlgemerkt, der dem Entstehen der Dinge nach Chronos und Zeus (Saturn und Juppiter) vorgehen muss – ein versteckter Monotheismus im antiken Vielgottglauben? – für das Ausbalancieren der Elemente.

(Die vier Elemente – Wasser, Feuer, Erde, Luft – sind uns ja heute noch aus der Popkultur bekannt. In den Anfängen der Philosophie haben sie als die “Legosteine” gedient, aus denen die Welt zusammengesetzt sein könnte, die Kräfte, die alles ausmachen. Das war vor Demokrits Idee vom Atom.)

Der gestaltende Gott achtet ebenfalls auf das Gleichgewicht der Kräfte, sodass etwa die vier Winde jeweils in ihrem eigenen “Reich” toben und die Welt nicht zerreißen. Die Winde sind Auster (Südwind), Boreas (Nordwind), Zephyr (Westwind) und Eurus (Ostwind).

Als nun die wilden Kräfte der Elemente in ihre Bahnen gezwungen sind, erstrahlen die Gestirne am Himmel, den nun auch Sterne und Götter bevölkern, wie die Erde das Getier, die Lüfte die Vögel und die Wasser die Fische. So werden die Götter von Ovid den anderen natürlichen Kreaturen gegenübergestellt, die alle ihren Ursprung von dem einen Urgott erhalten haben. Hier zeigt sich wieder die Humanität und Nüchternheit des antiken Blicks zum Himmel, der im Christentum völlig verloren geht!

Die erste große Verwandlung des Chaos in die Welt ist jetzt beinahe abgeschlossen. Fehlt nur noch Eines.

Heiliger aber als sie ein Wesen noch fehlte, das hohen

Sinnes fähiger sei und die übrigen könne beherrschen.

Und es wurde der Mensch.

To be continued