Ovid-Mythos 2 – Niedergang und Aufstieg der Menschheit

Die Welt kurz nach dem Auftritt des Menschen ist ein düsterer Ort.

 

Und von dem reichen Boden verlangte man nicht nur die Saat, nicht

Nur die geschuldete Nahrung: man drang in der Erde Geweide.

Schätze, die tief sie versteckt und den stygischen Schatten genähert,

Grub man hervor – dem Schlechten zum Anreiz; das schädliche Eisen

Ist schon getreten ans Licht und – schädlicher noch als das Eisen –

Auch das Gold. Da ist, dem beide sie dienen, der Krieg und

Schlägt mit blutigen Händen zusammen die klirrenden Waffen.

Nur vom Raub wird gelebt. Der Freund ist vorm Freunde nicht sicher,

Nicht vor dem Eidam der Schwäher, auch Bruderliebe ist selten.

Tod der Gemahlin droht der Mann und sie ihrem Gatten.

Schreckliche Stiefmütter mischen die leichenschaffenden Gifte.

Vor der Zeit schon forscht nach dem Ende des Vaters der Sohn: Dar-

nieder liegt die heilige Scheu, und der Himmlischen letzte,

Jungfrau Astraea verläßt die mordbluttriefende Erde.

Zur selben Zeit stürmen auch die Giganten gegen den Himmel an und obwohl Juppiters Blitz sie am Ende niederwirft, tränkt ihr Blut doch die Erde und schafft weitere verkommene Menschen in einer bereits schlechten, schlechten, schlechten Welt. Schlimm wie die Dinge stehen, beschließt der oberste Gott in seiner weisen Sanftmut, reinen Tisch zu machen und die Sache noch einmal von vorne zu beginnen.

Er lädt zu einem Götterrat und sie alle kommen, reisen die Milchstraße entlang zu seinem Palast, den Ovid, ganz der patriotische Römer, “Palatinus des hohen Himmels” nennt. Dort enthüllt Juppiter seinen Plan, das Menschengeschlecht zu ersäufen. Eigentlich wollte er das Ungeziefer zunächst mit Blitz und Feuer tilgen, aber da er fürchtet den Brand, den er entfachen könnte, fürchtet, dass er auf sein eigenes Haus, den Äther, übergreifen könnte und entscheidet sich stattdessen für’s Ertränken.

Zuletzt legen die anderen Götter noch zarten Widerspruch ein, sie fürchten um ihre Opfergaben und die Verwilderung der Welt ohne den Menschen. Ihr Chef beruhigt sie aber. Wenn die Verderbten einmal alle tot seien, werde er für ein “wunderentstanden Geschlecht, von dem früheren Volke verschieden” Sorge tragen. “Wunderentstanden” klingt immer gut, denken sich da vielleicht die anderen Götter und Göttinnen.

Dann lässt Juppiter die Pool Party beginnen. Sein Bruder Neptun hilft ihm dabei.

Dieser ruft seine Flüsse zusammen. Sobald ihres Fürsten

Haus sie betreten, spricht er zu ihnen: “Kein langes Ermahnen

Braucht es jetzt hier. Ergießt mit aller Macht eure Kräfte!

Das nur ist not. Eure Stuben sperrt auf, spült hinweg eure Dämme,

Und Euren Fluten laßt die Zügel allesamt schießen!”

So befiehlt er. Sie gehn und lösen den Mund ihrer Quellen,

Wälzen zum Meere sich hin, entzügelten Laufes. Es selber

Aber, er stößt seinen Dreizack hinein in die Erde, und die er-

Bebt und öffnet, erschüttert, den Weg verborgenen Wassern.

Ausgebrochen fluten die Flüsse dahin über offne

Felder, reißen die Saaten, die Bäume, das Vieh und die Menschen,

Dächer und Kammern mitsamt den Hausaltären von hinnen.

Blieb ein Gebäude und konnte dem mächtigen Drange des Unheils

Unzerstört widerstehen, so deckten höher doch steigend

Wellen den First; unter Strudeln verborgen standen die Türme.

So verwandeln die Brüder die Welt also in ein wässriges Grab. Aber im Gegensatz zur biblischen Sintflut ist es keine komplette Vernichtung. Zunächst scheint es den einen oder anderen zufällig Überlebenden zu geben, der jetzt komisch dahindümpelt:

Der ersteigt einen Hügel, ein anderer sitzt in dem hohlen

Nachen und führt die Ruder jetzt da, wo er neulich gepflügt hat.

Jener schifft über Saaten dahin, übers Dach des versunknen

Hofes, und dieser fängt einen Fisch im Wipfel der Ulme.

[…]

Unter dem Wasser bestaunen die Töchter des Nereus die Haine,

Städte und Häuser; es tummeln im Wald sich Delphine, sie stoßen

Gegen das hohe Gezweig und erschüttern mit Schlägen die Stämme.

Stille. Alles ruhig und verändert, neuartig. Eine gewisse Schönheit liegt auch in dem Bild. Es gibt noch zwei andere Überlebende, die zwei, auf die es ankommt. Ein Mann und eine Frau, natürlich, und sie heißen nicht Adam und Eva, sondern Deucalion und Pyrrha. Sie landen in ihrem kleinen Kahn an der Spitze des Parnassus, die nicht von Wasser bedeckt ist, und was sie dort als erstes tun, ist beten. Das gefällt göttlichen Augen und Juppiter, gerührt von den devoten Überlebenden, befiehlt den Rückzug des Wassers.

Das Paar wandert bedrückt durch die leere Welt, in der ihre Stimmen den einzigen Hall werfen, und fragt sich, was jetzt. Wie immer in der Mythologie müssen es die Götter wissen, also beschließen sie, zu fragen. Sie fragen Themis, Tochter von Uranos und Gaia und Göttin der Gerechtigkeit, Ordnung und Philosophie. Die Tochter der Erde zu befragen, wie man neues Leben in die Welt bringt, ist natürlich eine gute Idee. Sie gibt ihnen folgenden Rat:

“Von dem Tempel

Geht, verhüllt euer Haupt und löst der Gewande Umgürtung,

Werft dann hinter euch der Großen Mutter Gebeine.”

Themis, übrigens, war vor Apollo Schutzherrin von Delphi, was die Rätselhaftigkeit ihrer Worte erklärt.

Das vom schnellen Fluten und Trocknen der Welt noch traumatisierte Paar – wer wäre es nicht?! – denkt über die Worte nach, bis sie sie zu entschlüsseln glauben. Nackt sollen sie vom Tempel fortgehen und Steine, der Großen Mutter Gaia Gebeine, hinter sich werfen. Sie kommen sich ein wenig lächerlich dabei vor, aber einer himmlischen Anweisung widersetzt man sich zu eigenem Schaden, also tun sie es. Und da:

Und nach der Götter Willen erhielten die Steine, die Mannes

Hände geworfen, Mannesgestalt in kürzester Frist und

Ward das Weib durch die Würfe des Weibes wiedergeschaffen.

Daher sind wir ein hartes Geschlecht, erfahren in Mühsal,

Geben so den Beweis des Ursprungs, dem wir entstammen.

Jawohl, der Mensch stammt nicht vom Affen, sondern vom Stein ab.