Ovid-Mythos 3 – Apollos erste Liebe

“Kannst du”, so spricht der Gott, “nicht mehr die Gattin mir werden,

Sollst mein Baum du doch sein. Es sollen, o Lorbeer, dich tragen

Stets meine Leyer, mein Haar, der Köcher; den römischen Feldherrn

Zierst du, wenn zum Triumph die frohen Rufe ihm schallen,

Wenn auf den festlichen Zug die Burg vom Hügel herabschaut.

Sollst auch stehn am Tor des Augustus, als treuester Wächter

Hüten den eichenen Kranz, der hangt ob der Mitte der Pforte.

Und, wie mein jugendlich Haupt an den Locken die Schere nicht duldet,

Trage du immerfort den Schmuck des grünenden Laubes.”

Phoebus hatte geendet. Bejahend regte die jungen

Zweige der Lorbeer und schien wie ein Haupt den Wipfel zu neigen.

So endet die Begegnung Apollos mit der Nymphe Daphne, seiner laut Ovid ersten Liebe, und beginnt die lange Lorbeer-Tradition der antiken Welt. Das ist keine ganz freiwillige Liebe. Apollo muss auf die harte Tour lernen, dass selbst der Gott der Bogenschützen den Gott der Liebe nicht leichtfertig herausfordert. Als sich der Gott (nicht unironisch u.a. der sittlichen Reinheit und Mäßigung) über Amors Bogenschießen lustig macht, “jagt” dieser ihm zur Rache seinen goldenen, liebeerweckenden Pfeil “durchs Gebein und trifft ihn im innersten Marke”, während er die Nymphe Daphne mit dem bleiernen, liebevertreibenen Pfeil trifft.

Die Konsequenz ist eine Verfolgungsjagd. Apollo beglotzt Daphne von heißer Begier erfüllt (“er preist ihre Finger, die Hände, die Arme, / Bloß, wie sie sind, bis fast zur Schulter hinauf, und er denkt sich/ Besser noch, was verborgen ihm bleibt.”) und will sie besitzen, sie aber, vom bleiernen Pfeil beeinflusst, flieht vor ihm. Es hat durchaus komische Dimensionen, wie Apollo hilflos von Amors Pfeil gelenkt seiner Auserkorenen nacheilt, ihr dabei seine Vorzüge aufzählt und sich zugleich Sorgen macht, sie könne sich bei der schnellen Flucht verletzen.

“Weh mir! Ich sorge, du fällst. Es ritzen den Fuß dir, den zarten,

Schmählich die Dornen, und ich bin schuld, daß Schmerzen du leidest.

Rauh ist der Grund, den du trittst. O, eile mäßiger, fleh’ ich,

Hemme die hastige Flucht. Und ich will mäßiger folgen.”

Der lüsterne Gott, der dem fliehenden Nymphen- oder Sterblichenmädchen nacheilt kann als eines der Urbilder der antiken Mythologie gelten. Auch hier wird wieder die Lebendigkeit und Realitätsnähe dieser Götterwelt ersichtlich. Man stelle sich einen Jesus vor, der Maria Magdalena an die Schürze will. Wer so etwas laut gedacht hätte, wäre von der Kirche wohl auf zehn Scheiterhaufen hintereinander geschmissen worden, bis auch ja nichts mehr übrig wäre von dieser schrecklichen Blasphemie. Oh bunte Antike, oh finsteres, finsteres Mittelalter. Aus dem selben Grund wollte man wohl auch nicht wahrhaben, dass all die weißen Ruinen einst bunt bemalt gewesen sein sollten.

Zuletzt Daphnes Verwandlung, die eine Gnade ihres Vaters, des Flussgotts, ist:

Kaum hat sie gefleht, da ergreift eine Starre die Glieder;

Zäher Bast umspinnt das Fleisch des geschmeidigen Leibes;

Wie als Blätter die Haare, so wachsen die Arme als Zweige;

Eben so schnell noch, haften in steifen Wurzeln die Füße;

Wipfel nimmt ein das Gesicht. Ein Glanz nur bleibt über allem.