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16 Zentimeter hoch, 11 breit, weniger als zehn Milimeter dick. Leicht in der Hand. Schwarz. Einfaches Design. Seriöses Schwarzweiß auf dem Screen. Der Kindle weiß, dass der erste Eindruck zählt. Und seine Mutter, Amazon, weiß, dass die Umgestaltung der Lesegewohnheiten von Millionen Menschen eine Mammutaufgabe ist, die eine schlagkräftige Waffe erfordert. Mittlerweile ist der Kindle (auf Deutsch: “anzünden”, “entfachen”) das Kernstück einer ganzen Armada von Amazons Waffen. Da ist der Kindle Fire, Amazons Tablet, und seit einigen Monaten auch das Fire Phone, Amazons Smartphone. Telefon und Tablet sollen für Musik und Videos dasselbe tun, was der Kindle für Bücher erreichen soll: die völlige Kontrolle des größten Händlers der Welt über Distribution und Konsumierung, am Ende auch über Produktion.

All das hat mit dem Kindle begonnen. Was also macht dieses Gerät so magisch?

Ich besitze ihn jetzt seit einer Woche und was ich schon nach dieser kurzen Zeit sagen kann, ist dass der Kindle das Leseerlebnis NICHT revolutioniert. Er macht das Lesen nicht anders. Aber er macht es einfacher, zu lesen. Der ursprüngliche iPod wurde von Apple mit dem Slogan One Thousand Songs in Your Pocket beworben. Das Prinzip 1000 von etwas in der Tasche ist für Bücher natürlich noch viel verführerischer als für Songs, weil Songs ohnehin immer im Mehrfachpaket transportiert wurden (Schallplatte, CD, Mp3-Player), Bücher aber schon in Einzelform gewisses Gewicht und Sperrigkeit aufweisen. Der Kindle kann 1000 Bücher speichern, und das zählt noch nicht einmal Kindle-Produkte, für die unbegrenzter Cloudspeicher zur Verfügung steht.

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Vorteil 1 des E-Book-Readers ist somit die Handlichkeit und die Leichtigkeit, soviele Bücher überallhin mitzunehmen,  ohne sich den Rücken zu brechen.

Jetzt könnte man aber sagen, gut, ich lese jeden Tag mehrere Stunden. Ein Buch kann niemals ausgehen, aber ein technisches Gerät braucht Energie. Wie sieht es mit der Laufzeit aus? Das ist natürlich ein Punkt, auf den die Entwickler besonderen Wert gelegt haben. Schon beim erstmaligen Anwerfen des Teils überrascht es einen mit sofortiger Einsatzbereitschaft, nachdem man es ein paar Sekunden an den Computer angesteckt hat. Der Akku des Kindle, wenn einmal geladen, hält angeblich acht Wochen, allerdings bei ausgeschaltetem WLAN, niedriger Beleuchtungsstufe und nicht mehr als einer halben Stunde Lesezeit pro Tag. Die acht Wochen sind also Etikettenschwindel, denn Vielleser, für die das Gerät ja wohl entwickelt wurde, werden die nicht erreichen. Trotzdem ist diese Laufzeit um Längen besser, als wenn man auf dem Smartphone liest. Im Vergleich zum guten alten Buch zieht der Kindle hier aber trotzdem den Kürzeren.

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Buch-Vorteil 1: Lesen, ohne dass der Saft ausgeht.

Natürlich gibt es Vorteile, die nur ein Lesegerät des größten Bücherhändlers der Welt besitzen kann. Amazon verlangt vom Nutzer seines Geräts, sich auch einen Account für die Website anzulegen. Das ist nur logisch, weil einzig Bücher des Kindle-Formats, die ausschließlich von Amazon verkauft werden, darauf gelesen werden können. Der Leseruser begibt sich also mit dem Kindle in die weiche Umarmung des Amazon-Krakens und wird dafür in das Amazon-Ökosystem eingelassen, wo er nach Herzenslust shoppen kann und dabei seine Kaufempfehlungen und Sternchenrezensionen hat. Theoretisch kann man also mit dem Kindle, überall wo es WLAN mit Internetanschluss gibt (außer man hat sich die teurere Kindle-Version mit 3G geleistet) sitzen und der Lesestoff geht einem nie aus. Man muss nicht in die kalte Welt hinaus und unter Menschen in Buchläden herumirren, wo man wahrscheinlich eh nicht findet, was man braucht, und für die Klassiker Geld hinlegen muss, die es auf dem Kindle gratis gibt. Hier könnt ihr euch entscheiden, ob ihr das als großen Vorteil seht. Ich persönlich gehe recht gerne in Buchhandlungen. Allein der Duft!

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Shoppen bis zum Brechen – wichtig für euren Buchkonsum?

Jetzt zu dem Punkt, den Neil Gaiman, die Killer App für das Buch genannt hat: die Verstellbarkeit der Schrift. Viele ältere Menschen haben schwächere Augensicht. Warum sollten sie sich also mit einem Produkt abfinden, das nur eine, meistens zu kleine, Schriftgröße kennt und von außen hin beleuchtet werden muss? Hier ist der Kindle nicht zu schlagen. Man sehe:

Das hier...
Das hier…
... oder das?
… oder das?

Weiters gibt es da ja auch noch die berühmten Interaktionsmöglichkeiten und Bereicherungen, die IT uns bietet. Da gibt es auf dem Kindle allerlei. Etwa wird die persönliche Lesezeit durch das Umblättern berechnet und angezeigt, wie lange man voraussichtlich noch für den Text, den man liest, braucht. Ich finde das aber eher lästig und stressmachend. Sehr nützlich ist bisher aber das Nachschlagen von Wörtern auf Wikipedia oder in Wörterbüchern gewesen, das durch einfaches Antippen des Wortes geschieht. Bsp:

Typisch. Sobald man’s demonstrieren will, haut’s nicht hin! Wie man sieht, ist das Markieren von einzelnen Wörtern nicht immer ganz einfach und mann muss sich zuerst das richtige vorsichtige Tippen angewöhnen, wenn man will, dass der Kindle zwischen Unterstreichen und Antippen unterscheidet. Aber wenn diese Hürde beseitigt ist, ist es schon ein ziemlich beeindruckendes Feature, das manches Googlen erspart.

Dann ist da auch noch der Zugriff auf all die selbstverlegten Titel, die man mittels weniger Mausklicks über Amazons Kindle Direct Publishing – Programm anbieten kann. Der Preis dieser selbstverlegten Produkte rangiert meistens zwischen 0,99 und 4,99 Euro, je nach Nachfrage, und die Qualität rangiert genauso. KDP, behauptet Amazon, ist die Zukunft des Buchgeschäfts. Autoren würden zunehmend erkennen, dass der habgierige Verlag als Mediator ausgedient hat und der Autor von Morgen von Produktion bis zu Marketing und Vertrieb alles selbst kontrollieren wird. Bzw. Amazon. Momentan ist von dieser großen Befreiung aber noch nicht viel zu spüren, bis auf die Tatsache, dass jetzt sehr viel Unlektoriertes und von Rechtschreibfehlern Strotzendes angeboten wird und meist ohne auch nur einen Stern bekommen zu haben, ungelesen wieder verschwindet. Oder man hat Pech wie ich und die ersten zwanzig Sätze gefallen dem Leser nicht, woraufhin eine Zwei-Sterne-Beurteilung folgt und das Produkt praktisch verdammt ist, digitalen Staub anzusetzen. Oh ja, schöne neue Welt, vielleicht geht das in Zukunft ja noch etwas besser.

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Fazit: Interessant, sehr interessant. Aber mit Vorsicht zu genießen.