Auf einen interessanten wissenschaftlichen Aufsatz über Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen gestoßen. Der Autor, Gerd Strohmeier, Privatdozent im Bereich Politikwissenschaft an der Uni Passau, macht darin auf die Problematik der politischen Sozialisation von Kleinkindern durch “implizite politische Inhalte” innerhalb der Hörspielreihen aufmerksam. Für ihn sind Bibi und Benjamin Heldenfiguren eines dezidiert linken politischen Spektrums. Das macht er vor allem daran fest, wogegen sie in ihren Abenteuern kämpfen. Das sind tatsächlich auffallend oft korrupte, inkompetente, selbstherrliche Bürgermeister mit ihren Heerscharen bedingungslos folgsamer Polizisten und im Verbund mit diversen ausschließlich korrupten Unternehmern, die an allen Ecken und Enden Hochhäuser ins Grüne stampfen wollen, Straßen verlegen und überhaupt ununterbrochen damit beschäftigt scheinen, die Umwelt zu zerstören und mit Vergnügen auf dem Kopf des gemeinen Mannes herumzutanzen.

Genug Leute würden dazu wahrscheinlich sagen, dass sind keine linken Feindbilder, sondern das ist die Realität. Aber selbst wenn – der Autor hat durchaus damit recht, dass die Politik in den Hörspielen immer die Wurzel allen Übels und nie Teil der Lösung ist, während das einfache Volk angeführt von Bibi oder Benjamin und im Verbund mit der Reporterin Karla Kolumna, die für eine freie, machtkritische und immer ethisch und moralisch handelnde Presse steht, stets richtig entscheidet. Basisdemokratie gegen Spezialistentum. Zusammen mit der starken ökologischen Ader merkt man den Geschichten wirklich ihren Ursprung in den 80er-Jahren an.

Wie besorgt sollte man deswegen also sein? In seinem Artikel macht Strohmeier keine konkreten Vorschläge, wie man mit dem Problem umgehen soll. Aus seiner Sicht ist es durchaus ein Problem. Schließlich sind Zigmillionen von den Hörspielen verkauft worden, es gibt Fernsehsendungen, Kinofilme, Internetinhalte usw. usw., die nach wie vor Hunderttausende Kinder in die Neustädter Welt entführen. Die Gegenspieler von Bibi und Benjamin sind oft ins Extrem verzerrte Karikaturen von ihren wirklichen Gegenstücken, während die Guten kaum kritisch beleuchtet werden oder wenn, dann auf eine Weise, die sie noch liebenswerter macht. Das heißt, Millionen von heute Erwachsenen sind durch den Charme des einzigen sprechenden Elefanten der Welt oder der jungen Hexe aus Neustadt auf die falschen Werte hin sozialisiert worden!

Die Frage nach der politischen Korrektheit und Angemessenheit von Kinder- und Jugendliteratur ist eine, die so alt ist wie die Literatur selbst. Die Frage, die Strohmeier Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen stellt, könnte man vielen anderen Kinderbüchern und -sendungen, die in der echten Welt spielen, auch stellen. Und nicht nur in der echten Welt. Warum müssen zum Beispiel die Drachen, Vampire und Hexen immer die Bösen sein? (Das sind zwar veraltete Beispiele, siehe Eragon, Twilight etc., aber in den Köpfen der meisten erscheinen diese Wesen immer noch eher negativ.) Warum werden in Märchen nur Prinzessinnen entführt und nicht auch Prinzen? Warum muss immer einer den anderen besiegen, jemand gewinnen? Ist das nicht auch schon ein Stück Stärkerer-frisst-den-Schwächeren-Kapitalismus-Ideologie?

Am Ende ist der Kampf der politischen Korrektheit gegen die Kultur ein ewigwährender, der von keiner Seite jemals zu entscheiden ist. Klar, vieles, was in für Kinder gemachter Unterhaltung präsentiert wird, ist grob vereinfacht und sollte auf didaktische Werte (die kulturspezifisch sind und sich immer wieder ändern können) überprüft werden, aber es ist eine Illusion zu glauben, dass man mit der Differenziertheit schon bei den Kleinstkindern anfangen kann. Zuerst müssen sie Bilder in den Kopf bekommen, bevor sie diese Bilder kritisch interpretieren lernen können. Es ist einfach Teil des Erwachsenwerdens (sein Fluch und Segen), dass diese simplen Schablonen mehr Schatten und Tiefe und Kontur bekommen und sich das Schwarz und Weiß der Geschichten unserer Jugend in ein schmutziges Grau auflöst.

Trotzdem könnte in Neustadt auch ruhig einmal der Bürgermeister der Held sein. Der arme Mann hat ja noch nicht einmal einen Namen.