Es scheint kaum miteinander vereinbar, dass jemand, der Sätze schreibt, die so anfangen: “Solcherart zumindest imstande, sich einzureden, sich beruhigt zu haben […]” gleichzeitig der kommerziell erfolgreichste deutsche Schriftsteller sein kann. Aber Wolfgang Hohlbein trotzt diesem Widerspruch schon seit Jahrzehnten erfolgreich. Obwohl er nicht auf die einfache, flutschige Art schreibt, die Leser von kommerziellen Bestsellern heute gewohnt sind, ist er der unbestrittene König deutscher Fantasy, oder wie er sagen würde: “Phantastik”, auch wenn seine Präsenz in Buchläden heutzutage durchaus unauffällig ist. Zumindest wenn man seine über zweihundert erschienenen Bücher bedenkt.

Tatsächlich schreibt Hohlbein genau so, wie einem von den verschiedenen Autoritäten der Schreibewelt immer wieder gesagt wird, dass man es nicht tun soll: ausschweifend, detailbesessen und in ellenslangen Sätzen, die auch Klammern, Gedankenstriche und Einschübe nicht scheuen. Der Erfolg Hohlbeins scheint aber andererseits genau an dieser detailorientierten Beschreibweise zu liegen, die einmal in einem Artikel der Zeit mit der filmischen Verfahrensweise verglichen wurde. Man kann sich in die Hohlbeinwelten richtig versenken, selbst wenn die Handlung in ihnen nicht immer die prickelndste ist. Oder sogar fern von jedem Ansatz von Logik. Vielleicht könnte man Hohlbein als den Michael Bay der Fantasy-Literatur bezeichnen. An farbenfrohst beschriebenen Explosionen mangelt es bei ihm auf jeden Fall nicht.  Aber jetzt zu diesem speziellen Buch.

Hohlbein neuestes, Mitte September erschienenes Buch “Der Ruf der Tiefen” spielt in New England um oder kurz nach der Jahrhundertwende und erzählt ein paar Tage aus dem Leben von Janice Land, die verzweifelt nach ihrem Verlobten sucht. Dieser ist ein Jahr zuvor in seiner Tätigkeit als Landvermesser an die Küste gereist und dort plötzlich verschwunden. Niemand kann sagen, wo er ist, Gut die Hälfte des Buches wird dann auch in einem langwierigen Herumfahren zwischen A und B verheizt, bei dem Janice sich mit Klischeefiguren wie dem schläfrigen Dorfpolizisten oder der forschen, aber mütterlichen alten Gastwirtin herumschlagen muss, die offenbar ein sehr beschränktes Vokabular besitzen, denn sie geben immer wieder dieselben Sätze von sich. Zugleich hat Janice wiederholte Visionen, die mit geheimnisvollen Wesen des Wassers zu tun haben und plötzlich und mehr oder weniger unmotiviert auftauchen. So tröpfelt das Buch dann auch mehr oder weniger antriebslos dahin, geht einfach weiter, weil es weitergehen muss. Bis zum ebenfalls Hohlbein-typischen actiongeladenen Ende, bei dem mehr unklar bleibt, als aufgelöst wird.

Der Ort, von dem die Geschichte ihren Ausgang nimmt, ist die Stadt Providence, der Geburts- und Sterbeort vom Vater modernen Horrors, H.P. Lovecraft, dem großen Vorbild von Wolfgang Hohlbein, Stephen King, George R.R. Martin und unzähligen anderen Autoren, die in diesem Genre tätig sind. Die Bezüge zu Lovecraft sind auch mehr als deutlich. Das beginnt mit Titel und Cover des Buches und geht weiter mit den zahlreichen Hinweisen auf die Unvorstellbarkeit und Unbegreifbarkeit dieser völligen Fremde, die unter dem Meer ruht. Das monströs Fremde ist ein für Lovecraft typisches Element, und es ist auch typisch für Hohlbein, der von ihm inspiriert wurde. Lovecraft setzt es aber sehr viel subtiler und effizienter um als Hohlbein, der einem mit dem Autorenhammer immer wieder in den Kopf schlagen will, wie unbegreiflich und geheimnisvoll und jenseits aller menschlichen Vorstellung das alles doch ist, was sich auf den Seiten zuträgt. So exzessiv macht er das, dass man sich als Leser fragen muss, was einen überhaupt noch an der Geschichte interessieren soll, wenn ihr wesentliches Geheimnis unbeschreibbar ist.

Die Figuren können es jedenfalls nicht sein. Janice ist eine merkwürdige Mischung aus elitärem Großstadtsnob und moderner Frau, in der Hohlbein wohl zeigen will, dass es auch “damals” (nie spezifiziert er, wann genau die Geschichte spielt, was es ihm wohl einfacher macht, ungenau zu sein) starke Frauen gegeben hat, Na vielen Dank für die Erleuchtung, Madame Curie lässt grüßen. De facto erreicht Hohlbein eher das Gegenteil. Janice kommt als hysterische, zynische Zicke rüber, die von ihrem ehemaligen Verlobten eher besessen ist, als dass sie ihn liebt. Noch schlimmer ist ihr Begleiter Steve, der beste Freund ihres Verlobten, den Hohlbein wohl aus Gründen der Erheiterung als tollpatschigen Typ gezeichnet, der keine zwei Schritte gehen oder etwas in die Hand nehmen kann, ohne eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen. Herr Hohlbein – es war bei Bella schon nicht sehr lustig, bei Steve ist es nur ermüdend. Auch die anderen Figuren bleiben blass und die meiste Zeit ergeben ihre Handlungen nur beschränkt Sinn.

Apropos ermüdend. Die Flut von Wort- und Phrasenwiederholungen, für die Hohlbein berüchtigt ist, und der anscheinend noch kein einziger Lektor Herr werden konnte, tobt auch in diesem Buch wieder fröhlich und ungehemmt. Ich habe es nach einer Weile aufgegeben, mitzuzählen, wie oft Janices Herz zu rasen beginnt, aussetzt oder sonst was macht, wenn etwas Aufregendes, Beunruhigendes oder Unheimliches geschieht. Gefühlt jede Seite. Außerdem scheint der Autor in die Konjunktion “nicht nur, sondern auch” äußerst verliebt zu sein. Es ist anscheinend traurige Tatsache, dass die Verlage, bei denen Hohlbein veröffentlicht, schon kein Geld mehr in ein ordentliches Lektorat investieren bzw. die Hohlbein-Manuskripte ungelesen durchwinken. Die Anzahl an Fehlern ist eklatant. Und beginnt schon auf der der Rückseite des Buches. Piper, es heißt nicht “Jahrtausende alt”, sondern jahrtausendealt. Hier geht’s zum Duden.

Diese Schlampigkeiten bei einer ansonsten schon beinahe antiquiert “schönen” Sprache wären noch halbwegs erträglich (nein, eigentlich selbst dann nicht), wenn wenigstens die Handlung spannend wäre. Aber das ist sie schlicht und einfach nicht. Sie ist fad nach Strich und Faden. Ohne Höhe- oder Tiefpunkte holpert und plätschert sie dahin, immer auf der Suche nach dem nächsten Deus Ex Machina, der den Motor wieder in Gang setzt. Auch das gibt es in Hohlbein-Büchern, aber diesmal fehlt wirklich jede erlösende Qualität.

“Er war nicht wirklich schlecht, aber auch alles andere als gut.”, urteilt Janice Land an einer Stelle über einen Wein und lässt den Leser in Verwirrung zurück, wie der Wein nun genau geschmeckt hat. Genau das würde ich abschließend über das Buch sagen. Ein anderes Zitat daraus, dass es gut beschreibt: “Das war nicht nur vollkommen verrückt, sondern ergab auch überhaupt keinen Sinn.”

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