Das neue Jahr fängt schon mal gut an mit einer positiven Überraschung!

Kennt ihr das, wenn man in einer Buchhandlung ein Cover sieht und einfach blind und impulsiv zugreift, weil man das Gefühl hat Das könnte was sein? Normalerweise hat man ja seine üblichen Genres und Verlage und kann ein Buch recht schnell nach diesem Muster bewerten, auch wenn man von dem Autor noch nichts gelesen hat. Dann aber stolpert man über ein Cover, das einem aus dem üblichen Einkaufsblick herausreißt und zwingt, das Buch in die Hand zu nehmen und genauer zu untersuchen. Genau das ist mir passiert mit “Dolfi und Marilyn” von Francois Saintonge.

Ich hatte mich entschlossen, mir endlich die Ein-Buch-Ausgabe von “Herr der Ringe” zu Weihnachten zu gönnen, und war mit diesem Kauf budgetmäßig mehr als ausgelastet, aber dann, auf dem Weg zur Kasse, fiel mein Blick auf ein Buch mit einem Cover, von dem mir eine Masse von Adolf Hitlers und Marilyn Monroes entgegenglotzte. Hitler und die Monroe? Was für eine Kombo! Das muss ich mir ansehen. Kurz: Klappentext gelesen, like, gekauft. Der Verlag war carl’s books, wovon ich noch nie gehört hatte, aber anscheinend ist das einer der hunderttausend Random House – Verlage. Man lernt nie aus! Aber jetzt zum Buch.

Um es gleich zu sagen: Fan-tas-tisch! Lange hat mich ein Buch aus der unmittelbaren Gegenwart nicht so unterhalten und gleichzeitig zum Denken angeregt. Der Plot in a nutshell: Der an der Sorbonne in Paris unterrichtende Geschichtsprofessor Tycho Mercier bekommt durch ein Supermarkts-Gewinnspiel einen Klon von Adolf Hitler ins Haus geliefert. (Die Handlung ist in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts angesetzt – also Science Fiction light?) Das Problem dabei: Klone von Adolf Hitler sind seit kurzer Zeit streng verboten; Privatpersonen im Besitz solcher müssen mit Strafe rechnen. Brav und gutbürgerlich, wie er ist, gerät Mercier gerät dabei in Teufelsküche – und als er noch den raubkopierten Marilyn Monroe – Klon seines Nachbarn “erbt”, beginnt der Tanz erst richtig! Das klingt jetzt ein bisschen nach Klappentext, aber mehr will ich über den Plot hier nicht verraten.

Das Beste an dem Buch ist, wie es den leichten Schreibstil von Massenbestsellern mit intellektuellem Tiefgang verbindet, ohne dass das je angestrengt oder gezwungen wirkt. Geschichtliche Fakten kommen zwangsweise immer wieder vor, aber auf witzige, häppchenweise Art. Zum Beispiel beobachtet der Naziexperte Mercier interessiert, wie sein Hitlerklon haufenweise Fleisch verschlingt und vergleicht das unwillkürlich mit seinem Bild des als Vegetarier bekannten “echten” Hitlers.

Was aber ist überhaupt noch “echt” und was nicht, wenn es um’s Klonen geht? Handelt es sich bei “Dolfi”, wie Merciers Sohn Bruno seinen Freund, mit dem er bald Kriegsspiele am PC spielt (zur Beunruhigung seines Vaters!), um eine Reinkarnation Hitlers? Kann man ihn für seine Erbmasse verantwortlich machen, die er mit dem Diktator teilt? Und wie sieht eine Welt aus, in der das Klonen weit verbreitet ist? Was für Gesetze müssen erlassen werden? Wie stuft man Klone im Vergleich zu “echten” Menschen ein? Saintonge scheut vor diesen ernsten Fragen nicht zurück, behält aber bei all dem immer seinen lockeren ironischen Ton bei. Der Leser wird sozusagen durch die Hintertür zu ernsthaften philosophischen Problemen geführt, die durchaus in unserer nahen Zukunft liegen könnten. Allein dafür gebührt dem Autor Francois Saintonge mein Respekt. Saintonge ist übrigens ein Pseudonym; auf dem Klappentext behauptet der Autor, nur der Klon eines namhaften französischen Schriftstellers zu sein, der sich nicht vor sein Werk schieben will. Wooot? Fiktion und Leben vermischen sich!

Interessanterweise bleibt der Hitler-Klon “Dolfi” im Vergleich zu der anderen Figur auf dem Cover, dem Marilyn Monroe – Klon Marilyn eher blass und unterentwickelt. Das hat damit zu tun, dass Marilyn kein Klon ist, der den Richtlinien entspricht. Sie ist “schwarz” entwickelt worden und hat daher nicht die exakt gleiche Konditionierung etc. bekommen wie ihre legalen Pendants. Für Mercier ist sie in gleich doppelter Hinsicht eine Bereicherung seines Haushalts. (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.)

Gegen Ende hin wird das Buch immer überdrehter (ein Milliardär mit fürstlichen Ambitionen kommt ins Spiel) und endet dann relativ abrupt, was aber der vergnüglichen Reise bis dahin aber keinen Abbruch tut. Gleichzeitig gelingt Saintonge die Balance, nie so schräg zu werden, dass es unglaubwürdig würde, eine Versuchung, der schlechtere Autoren erlegen wären.

Kurz und gut: Kaufen! Lesen!