9783608938289Über Hobbits ist der Prolog von Herr der Ringe. Wer gerne Fantasy liest, weiß, dass zu diesem Genre Prologe inzwischen dazugehören wie Verdauungsprobleme zu McMenus, aber Tolkiens Prolog ist anders als die seiner Nachahmer. Er eröffnet nämlich nicht die Handlung mit einer spannenden, mysteriösen Szene, sondern gibt detaillierte Hintergrundinformationen über das Volk, das im Zentrum des Textes stehen wird. Er hat also weniger eine künstlerische bzw. unterhaltende Funktion, sondern soll den Leser orientieren und aufklären. Schon hier wird Tolkiens Hintergrund als Akademiker ersichtlich, denn für akademische Texte ist es elementar, gleich am Anfang darzulegen, worum es geht, wie an das Thema herangegangen wird und was die Zielsetzungen sind. Die Verstehbarkeit für den Leser steht im Mittelpunkt.

Über Hobbits klärt nun in keiner Weise über die Handlung oder auch nur die größere Welt von Mittelerde auf, sondern konzentriert sich auf die wichtigsten Figuren der Geschichte, die Hobbits. Damit wird der Leser zugleich aber auch in die friedliche kleine Welt von Frodo Beutlin eingeführt, in der das Epos seinen Anfang nimmt. In akademischer Gründlichkeit und Methodik stellt der Erzähler die unterschiedlichen Stämme der Hobbits, die Harfüße, die Starren und die Falbhäute, vor und verfolgt ihre Geschichte soweit wie möglich zurück, deren Anfänge wie so vieles in Mittelerde in geheimnisvollem Dunkel liegen. Er geht außerdem auf die Sitten und Bräuche der Hobbits ein, beschreibt ihre Natur und ihr Äußeres. Im Großen und Ganzen ähneln sie trotz ihren behaarten Füßen und der kleineren Statur jedenfalls den Menschen, spezieller noch: den Briten, wie viele Leser festgestellt haben (das Pfeiferauchen, die Bodenständigkeit und Sittlichkeit, die Vorsicht vor dem Fremden usw.)

 

Side Note: Das Auenland, in dessen vier Vierteln die Hobbits selbstzufrieden und -genügsam leben, wird von einigen Gelehrten übrigens mit einem Teil Englands gleichgesetzt, in dem sich nach der normannischen Invasion eine Form des ursprünglich Keltischen noch lange erhalten haben soll, nachdem der starke Einfluss des Französischen diese Sprache für immer verändert hatte. Für Tolkien, der sich für die ältere germanische Kultur und Sprache brennend begeisterte, hatte dies natürlich einen speziellen Reiz.

Side Note: Tolkiens Abneigung gegen die Folgen von 1066 lässt sich sogar aus den Namen der Hobbits selbst herauslesen: Im Englischen sind die Bilbo und Frodo verhassten Sackheim-Beutlins die “Sackville-Baggins”. “-ville” war eine französisierte Namensendung, die im sich an die neuen Herren des Landes anpassenden Adel verbreitet war und die Tolkien als Sympton des allgemeinen sprachlichen und kulturellen Bruchs jener Zeit geradezu verhasst war. Das ist nur eines der zahllosen Beispiele dafür, wie wichtig die Sprache selbst für das gesamte Werk Tolkiens ist und wie viele solcher Nuggets im Herrn der Ringe zu finden sind.

Nach der Völkerkunde, der Geografie und einem recht detaillierten Exkurs über das Pfeifenkraut schlägt Tolkien im vierten Teil des Prologs die Brücke zu dem Text, als dessen Fortsetzung der Herr der Ringe (zumindest vom Verleger) lange Zeit konzipiert war, bevor etwas viel Größeres daraus wurde. Gemeint ist natürlich der Hobbit. Vom Ringfund heißt der Textabschnitt, in dem grob die Ereignisse des Hobbits rekapituliert werden, wobei der Hauptfokus auf dem Ringfund liegt. Dass der Ring von größerer Bedeutung sein würde, war Tolkien beim Verfassen des Hobbit noch nicht bewusst, sodass er dessen entscheidende Szene, das Treffen von Bilbo und Gollum, für spätere Editionen neu schreiben musste. Mehr Details dazu bietet Tom Shippey in seinen Kapiteln “The Bourgeois Burglar” und “A Cartographic Plot”.

Points of Interest:

-> Tolkien, als Philologe, lässt die Figuren seiner Welt selbst Philologie betreiben, indem er die weitere Geschichte von Bilbos Schriften, díe neben dem Hobbit mutmaßlich auch den Stoff des Silmarillion enthalten, in Rohan und dann wieder in Archiven und Aufbereitungsstellen im Auenland darstellt.

-> Wie Shippey schreibt, wurde immer wieder versucht, das Wort Hobbit mit dem Wort rabbit (Kaninchen) in Verbindung zu bringen. Tolkien hat sich gegen diese Assoziation (auf alle Fälle in der Wortherkunft)  immer verwehrt und gesagt, der Name sei ihm einfach so eingefallen (obwohl im Hobbit selbst Biblo immer wieder mit einem rabbit verglichen wird.) Interessant und überlegenswert ist jedenfalls Shippeys Argument, dass Hobbits, mit ihrem neuzeitlichen Gebahren, in dem sie uns modernen Lesern ähnlicher sind als ihren archaischen Zeitgenossen (Elben, Zwergen, Menschen), ähnlich Fremde in Mittelerde sind, wie es rabbits im Europa des 13. Jahrhunderts waren, als sie zum ersten Mal ihres Fells wegen importiert wurden.