Über den gesamten Herrn der Ringe hinweg lässt sich eine Tendenz vom Kleinen ins Große ausmachen. Am besten lässt sich diese Tendenz im Vergleich der einzelnen Bücher feststellen. Während sich Die Gefährten noch überwiegend um die vier Hobbits und den Beginn ihrer Reise mit den Gefährten dreht, die sie durch so märchenhaften Kulissen wie Bruchtal, den Wald von Lothlórien oder die Minen von Moria führt, verbreitert sich die Perspektive der Geschichte mit der Auflösung der Gemeinschaft auf eine epische Skala. Der mit brennenden Stecken geführte Kampf gegen Todesgeister in nächtlicher Wildnis wird abgelöst vom Aufeinanderprallen mächtiger Heere in der Tradition jener mittelalterlichen Literatur, die im Zentrum von Tolkiens professionellem Leben stand.

Aber zunächst beginnt alles klein, leise, harmlos. Das erste Kapitel Ein lang erwartetes Fest schließt an das Ende des Kinderbuchs Der Hobbit an. Sechzig Jahre nach der Rückkehr von seiner großen Abenteuerreise trifft Bilbo Beutlin von Beutelsend in der kleinen auenländischen Idylle Hobbingen die letzten Vorbereitungen für die große Feier seines hundertelfzigsten Geburtstags, zu dem scheinbar das halbe Land eingeladen ist. (Von der Größe her kann man sich das Auenland übrigens ungefähr wie England vorstellen, das auch als Vorbild gedient hat.) Wir erfahren, dass Bilbo nicht mehr der schrebergärtnerische, gutbürgerliche Einzelgänger ist, als den wir ihn im Hobbit kennengelernt haben, sondern dass er nunmehr mit seinem Vetter Frodo zusammenlebt, den er adoptiert hat, als Frodo einundzwanzig und er selbst neunundneunzig war.

Side Note: Die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Bilbo und Frodo waren immer ein Mysterium für mich. Hier ein wenig Kopfbrumm-Material: Laut HdR ist Frodo als Sohn der Primula Brandybock, ihres Zeichens Cousine ersten Grades von Bilbo, und des Drogo “Khal!” Beutlin, der Bilbos Cousin zweiten Grades war, Bilbos Cousin ersten und zweiten Grades – “um eine Generation verschoben, wie man so sagt, wenn ihr wisst, was ich meine” (Ham Gamdschie, S.39, Klett-Cotta-Ausgabe in einem Band). Der Altersabstand ist ein wenig irritierend, aber wenn man die Vorstellungskraft ordentlich strapaziert, kann es sich ausgehen. Frodo müsste geboren worden sein, als Bilbo achtundsechzig war. Demnach muss Bilbos Cousine Primula um einiges jünger als Bilbo gewesen sein oder die Hobbits sind im Alter um einiges robuster unterwegs als wir Menschen, sodass sie um die eine oder andere Post-Meno-Schwangerschaft nicht viel Aufhebens machen. Warum aber ist Frodo nicht Bilbos Neffe, sondern wird ausdrücklich Vetter genannt? Oh du verrücktes 20. Jahrhundert mit deinen antiquierten Verwandschaftsausdrücken!

Das Fest beginnt. Es wird, wie bei Hobbits üblich, gegessen und getrunken und gegessen und nochmal gegessen, bis der Moment von Bilbos Rede, der Rede des Geburtstagskinds, gekommen ist. Und nachdem er seine Gäste im großen Festzelt auf die übliche Weise gelangweilt hat, verschwindet Bilbo Beutlin auf ganz und gar unübliche Weise, obwohl ein Blitz, den Gandalf zur Ablenkung dazwischenwirkt, den In-der-Luft-Auflöse-Effekt des Rings ein wenig kaschiert. Denn der Ring ist es, den Bilbo aufgestreift hat, um sich zurück nach Beutelsend zu verziehen und von dort wieder in die Wildnis aufzubrechen. Aber in Beutelsend wartet schon Gandalf auf ihn, und nun kommen wir zur Kernszene dieses ersten Kapitels, der Szene, die den Hobbit und den HdR verbindet und die es erforderlich machte, dass JRRT das Treffen von Gollum und Bilbo im Hobbit völlig umschrieb. Wir lernen nun die Macht des Rings kennen und seine Wirkung auf Gandalf und Bilbo, die er beinahe entzweit, als Gandalf Bilbo dazu überredet, den Ring Frodo zu vererben. Wir hören das Echo von Gollum in Bilbos Worten Er ist mein Schatz. In diesem Augenblick endet die Hobbitidylle und der Boden ist bereitet für Kapitel 2: Der Schatten der Vergangenheit.

Points of Interest

-> Bilbo zählt in seiner Rede pompös die Namen zahlreicher großer Hobbitfamilien auf, die im Inneren seines Partyzelts sitzen dürfen: Hornbläser, Brandybock, Tuk, Boffer. Shippey zufolge kann man sämtliche Hobbitnamen finden, wenn man in Nachschlagewerken wie dem Oxford Dictionary of English Place-Names, E.Ekwall’s English River Names oder P.H.Reaney’s Dictionary of British Surnames sucht.

-> Eine weitere Brücke zum Hobbit wird durch den Verweis auf Thal geschlagen. Thal, die Menschenstadt vor dem Einsamen Berg, die der Drache Smaug überfallen und niedergebrannt hatte, als er den Berg nahm, ist zum Zeitpunkt von Bilbos Fest offenbar wieder aufgebaut und groß im Geschäft, denn sämtliche Zauber-Spielzeuge, die den Hobbitkindern geschenkt werden, stammen aus Thal, wo die Wirtschaft wieder brummt. Diese Spielzeuge hat dieser Blogger in Jackson’s Filmen übrigens schmerzhaft vermisst >-< Das Feuerwerk war dafür toll.

-> Der Titel des Kapitels, “Ein lang erwartetes Fest” lässt sich als Anspielung auf die Ungeduld von Tolkiens Verleger interpretieren, der jahrelang von Tolkien eine Fortsetzung zum Hobbit gefordert hatte.