Es ist eine schöne Verpackung. Die eigentliche Hülle der DVD steckt in einer Form aus Hochglanzkarton, wie sie normalerweise nur Sondereditionen von Blockbustern bekommen. Die Frau auf der Vorderseite könnte das Starlet irgendeiner mittelmäßigen RomCom sein, wenn sie nicht völlig kleiderlos wäre. Ihre Arme sind um ihre Brüste gelegt, nicht geschlungen, ein Mindestmaß an Druck ausübend, sodass gerade die voluminösen Rundungen angedeutet werden, ohne zu viel preiszugeben. Ihre Beine überkreuzen einander, den geheimnisvollen Ursprung des weiblichen Mythos verbergend. Alishas Geheimnis steht in verschlungenen Buchstaben mit Glitzereffekt über ihrem üppigen schwarzen Haarschopf, und darunter: Folgen Sie der Schönheit in ihre privaten Gemächer…
Seine Augen wandern von den glatten, braunen, ihre Öffnung verheißenden Armen zu der Schrift und wieder zurück. Alle möglichen Gedanken schießen ihm Einspruch erhebend und beschwichtigend durch den Kopf: Das brauchst du nicht. Das ist unter deinem Niveau. Wie willst du das überhaupt kaufen?
Sicher, er könnte einfach zu Hause ins Internet gehen und sich dort alle erdenklichen Fantasien für ein autoerotisches Schäferstündchen zusammensuchen, aber seine Leistengegend kribbelt jetzt, verlangt jetzt einen Kauf von ihm, und der Gedanke, das Geheimnis ganz gutbürgerlich zu kaufen, erregt ihn noch dazu auf eine merkwürdige zusätzliche Weise. Es so öffentlich zu tun…
Beinahe wäre er an der Sektion mit dem Schild „Erotik“ vorbeigegangen. Eigentlich hat er nur mit dem Hunderter, den er noch von seinem Geburtstag hatte, irgendeinen Film kaufen wollen. Eine oder zwei generische Hollywood-Apokalypsen oder vielleicht die erste Staffel irgendeiner Serie. Nur vorübergehend sollte die Packung sich in seinen Händen befinden, nur so lange, um seine Neugier zu befriedigen. Aber jetzt umklammern seine Finger sie immer noch, drehen sie um, wenn ein anderer Konsument auf der Suche nach Fantasie vorbeigeht, und schwankt angesichts zweier Möglichkeiten.
Eigentlich weiß er, was er will. Er will das kaufen. Und warum auch nicht? Sicher kauft ständig jemand solche Filme, auch wenn das Angebot in dieser Elektronikwarenhandlung in diesem Bereich eher begrenzt ist.
Er schiebt das kantige Rechteck zwischen die etwas kleineren der Blu Rays. Sein Zeigefinger bedeckt wie zufällig den Rücken, auf dem noch einmal der Titel abgedruckt ist. So geht er in Richtung Kassa.
Du kaufst dir einen Porno, denkt er. Wie ein geiler alter Bock. Und wirklich, dass er hier steht, ein junger Student, weder besonders attraktiv noch besonders abstoßend, mit dieser DVD in der Hand, was sagt das über ihn? Er ist noch Jungfrau, hat noch nicht einmal eine Freundin gehabt. Ist dieser Kauf das Eingeständnis einer Niederlage? Wird der Film noch in fünfzig Jahren in seinem Regal stehen, die Erinnerung an ein Leben ohne die süße Freude, die der Existenz auf diesem Felsen erst so recht ihren Sinn gibt?
Unsinn, denkt er heftig. Es ist nur ein Stück Unterhaltung, wie alles andere hier. Und die Kassiererin? Wird sie ihn mit einem strengen/belustigten/abgestoßenen Blick taxieren, das Produkt mit gespreizten Fingern über den Scanner ziehen, ihm mit abgewandten Augen die Rechnung reichen?
Und wenn schon. Er kann sich kaufen, was er will. Das hier ist auch nicht viel schlimmer als eine Twilight-DVD (oder ein Exemplar von 50 Shades).
An der Kassa geht alles reibungslos. Einen Moment lang fühlt er sich von allen Augenpaaren in seiner Nähe beobachtet, als nämlich die Kassiererin der Reihe nach die Packungen nimmt und scannt. Während Alisha so frei sichtbar daliegt, fühlt er sich, als würde er beim öffentlichen Masturbieren ertappt.
Aber dann ist er auf einmal durch und atmet wieder frei, den Porno sicher in seiner Tasche.
Er fühlt sich, als hätte er einen Sieg errungen.