Der Bordstein ist elf Zentimeter hoch und dreißig lang. Er besteht aus rauem, dunklem, von weißen Schlieren durchzogenem Schiefer. Seine Kanten sind stumpf und abgeflacht von hunderten, tausenden, vielleicht Millionen Schuhsohlen. Wenn man mit der Hand über seine Oberfläche fährt, bröckeln Steinchen und Splitter ab und die Haut verfärbt sich schwarz. Schwarz färbt auch das rötliche Laternenlicht den Stein.
Ich verlagere mein Gewicht. Das geht nicht überall auf dem Bordstein. Man muss sich vergewissern, dass die Stelle, auf der man steht, stabil ist, sonst sieht man nicht lediglich den fallenden Quader im Dunkeln versinken, sondern fällt ihm gleich hinterher.
Wo ich jetzt stehe, gefällt es mir. Hier gibt es Licht. Die Straßenlaterne steht auf einem einsam aufragenden Sockel knapp außer Sprungweite und ihr beständiges leises Summen hat eine beruhigende Wirkung auf mich.
Ich habe meine Schuhe ausgezogen und fallenlassen. Der nackte Stein unter meinen nackten Fußsohlen ist, wenn auch kratzig, ebenfalls beruhigend. Er ist fest, existierend, da.
Eine Zeit lang habe ich überlegt, den Sprung zur Laterne zu wagen. Das war, bevor ich meine Schuhe ausgezogen habe, als es langsam kalt geworden ist. Ich dachte, dass der stromdurchflossene Laternenpfahl warm sein müsse und ich die Spitze der Laterne, wo sie einen rechtwinkligen Knick macht, erklettern könnte, um mich darauf zu setzen. Aber die Entfernung wurde weiter, je länger ich überlegte, und zuletzt habe ich den Gedanken verworfen.
Der Grund, aus dem ich nicht gesprungen bin, war nicht die Entfernung. Es war derselbe, aus dem ich mich nicht traue, mich auf die Bordsteinkante zu setzen oder mein Gewicht abrupt zu verlagern. Ich weiß nämlich nicht, ob die Laterne nicht abstürzt, wenn ich mich auf sie stürze. Unter dem aufragenden Pfahl sehe ich nur Schwärze, wie auch rings um den Bordstein nur Schwärze ist.
Ich habe mich noch nicht getraut, in sie hineinzutasten.
Außerdem hätte ich wohl auch nicht die Kraft für den Sprung. Seit Ewigkeiten habe ich nichts mehr gegessen.
Die Schwärze ist allumfassend, kontur-und geruchslos, aber es fehlt ihr nicht an Geräuschen.
Ich höre in ihr Stimmen und Schritte, ich höre aufdrehende und abstotternde Motoren, ich höre, was ich als das Öffnen und Schließen von Bustüren identifiziert habe, und den Flügelschlag von Tauben. All das und mehr höre ich wie durch eine Decke oder als stünde ich wieder als Kind vor der verschlossenen Wohnzimmertür, hinter der meine Eltern ihre Gäste unterhalten.
Die Geräusche sind nicht andauernd. Sie verschwinden regelmäßig, wonach absolute Stille herrscht. Bis auf das Summen.
Jetzt höre ich eine bekannte Stimme vorbeiziehen.
Nach Rom nächste Woche-oche
Meine Freundin. Ich weiß nichts von Rom.
Anita!
Ich hebe meinen Fuß und setze ihn in die Richtung, in der ihre Stimme verhallt, vorsichtig, um mögliche lockere Steine nicht zu kippen. Schritt um Schritt bewege ich mich wie ein Schattentänzer aus dem Lichtkreis fort, bis ich von völliger Finsternis und diesmal wirklich ungebrochener Stille umgeben bin. Die Lichtlosigkeit und die Geräuschlosigkeit schlagen auf mich ein, dass es mich beinahe zerquetscht. Es gibt kein Zurück. An ein Umdrehen ohne Stütze ist auf dem Randstein nicht zu denken. Mein gesamter Weg bisher war ein einziges nervöses Vorwärtsschleichen. Mir bleibt immer nur weiterzugehen.
Anitas Stimme ist schon lange verschwunden und seither hat es auch keine anderen Geräusche mehr gegeben. Nicht einmal das Geräusch meiner Schritte oder Atemzüge. Ich habe in manchen Büchern gelesen, dass die Stille ein eigenes Geräusch ist, aber so ist es nicht. Stille hört man nicht, man fühlt sie. Als eine Resonanz innerhalb und einen Druck außerhalb des Körpers. Mich schwindelt von ihr.
Ein Licht am nicht vorhandenen Horizont. Weit weg? Schwer zu sagen. Der Weg wird kürzer. Ein schüchterner Schein leicht oberhalb meiner vermutlichen Wegstrecke. Eine weitere Laterne. Dahinter Nichts.
Der Randstein endet dort.
Stille.
Es bleibt
Umzudrehen