Wahre Kunst braucht nur eines: Herz. Im Kontext der Literatur heißt das: egal, welches Genre man hernimmt, wenn die Geschichte Herz hat, ist sie groß. Weder sprachliches Vermögen noch Raffinesse im Plotbau oder effizienter Thrill können der Wirkung einer Geschichte mit Herz auch nur annähernd gleichkommen. Wenn man heute durch die Regale geht, sieht man nicht mehr viele Bücher mit Herz. Dabei schließe ich auch die sogenannte Gegenwartsliteratur von Verlagen wie Suhrkamp und Co ein. Diese Texte haben sicherlich Intellekt und Scharfsinn und großes handwerkliches Geschick – aber Herz? Das ist auch in ihnen selten zu finden.

Was ist aber Herz in einem Text? Für mich gehört dazu die Biografie des Autors. Herz hat mit Ehrlichkeit zu tun und ehrlich ist, wenn die genuinen Gefühle und Überzeugungen in den Figuren des Textes lebending sind und sie nicht nur Nachahmungen und Imitationen ausführen. Tolkiens Herr der Ringe beispielsweise ist ein Text mit so viel Herz wie kaum ein anderer, den ich kenne. Er ist das ganze Leben des Autors hindurch in ihm gereift, von den Gräben des Ersten Weltkriegs, in denen er all seine Seelenverwandten verlor, bis in sein spätes Professorentum in Oxford. Die Botschaft der Melancholie und der Hoffnung, des ständigen Aufstehens gegen den ständigen Niedergang und das Ermüden – das ist etwas, das Tolkien gelebt hat und man fühlt es in jeder Seite.

Ich gehe die Liste meiner gelesenen Bücher der letzten Jahre durch und stelle hier die Bücher herein, in denen ich starkes Herz gefühlt habe (Vollständigkeit nicht gewährleistet, da bei manchen Titeln schon die Erinnerung verschwimmt, was ein SKANDAL ist, aber die Dinge sind nun mal so). Hinter der Reihung steckt kein System.

Stephen King, Es – Das beste Buch über den Abschied von der Kindheit und den Verlust des sogenannten Reiferwerdens.

George R.R.Martin, The Armageddon Rag – Der ultimative Abgesang auf die Hippiekultur und die Träume von einer perfekten Welt

Fevre Dream – Der einzig gute Vampirroman, den ich kenne. Ein Roman über das Leben und den Tod.

F.Scott Fitzgerald, Der große Gatsby – Bedarf keines Kommentars

J.M. Barrie, Peter Pan – Verwandt mit Es, melancholisch-düstere Verabschiedung des Kindlichen

David Mitchell, Cloud Atlas – Ein Roman, der der Conditio humana nahekommt und beinahe schon Religion ersetzen kann.

Alles von John Irving

Goethes Gedichte

Rilkes Gedichte, darunter besonders: Der Tod der Geliebten

David Foster Wallace – Infinite Jest und jeder seiner Essays

Es ist ziemlich schwer die Grenze zu ziehen. Großartige Literatur kann großartig sein, ohne besonders viel Herz zu haben, aber trotzdem genauso ehrlich sein, nur eben aus einer anderen Weltsicht heraus. Ich müsste zu dieser Liste noch einen Philip Roth hinzufügen und einen Jonathan Franzen. Auch weitere Bücher von King verdienen einen Platz und die Kurzgeschichten von Martin. Vielleicht ist es auch 90 % meiner Liste, die hierhergehört, weil Herz einfach jede Form von guter Literatur auszeichnet und ich fast nur gute Literatur gelesen habe. Auch ein Thomas Bernhard hat Herz, das in jedem seiner Sätze unter seiner schwarzen Weltsicht leidet. Hm. Während ich diesen Post geschrieben habe, bin ich weider verwirrt über diesen Begriff geworden. Am besten lasse ich es jetzt so stehen, zumindest als Gedankenanstoß.

Aber Herr der Ringe bleibt trotz allem einzig.