In De re publica, seinem Buch über das Staatswesen, beschreibt Cicero, wie eine Runde von Staatsmännern sich im Landgut des Scipio Africanus trifft, um mit diesem in seiner seltenen Freizeit über den Staat zu reden und vor allem an seinem Wissen teilzuhaben.

Der Gastgeber fragt seinen Neffen, der als Erster bei ihm eintrifft: “Was kommst du schon so früh am Morgen, Tubero? Diese Feiertage hätten dir doch wirklich eine günstige Gelegenheit geboten, deine wissenschaftlichen Bücher zu wälzen.”

Antwort des Neffen: “Für meine Bücher habe ich ja immer  freie Zeit; denn diese sind ja nie beschäftigt; dich aber unbeschäftigt anzutreffen ist etwas ganz Besonderes, vor allem in diesen politisch so unruhigen Zeiten.”

Scipio: “Und doch hast du mich, beim Herkules, so angetroffen – allerdings bin ich eher körperlich untätig als geistig.”

Tubero: “Du solltest freilich auch deinem Geist Ruhe gönnen; wir stehen nämlich, wie verabredet, in großer Zahl bereit – wenn es dir so recht ist -, diese Mußezeit mit dir zusammen weidlich auszunützen.”

Scipio: “Was mich betrifft, wirklich mit Freuden – schon um uns endlich einmal wieder etwas an wissenschaftliche Studien erinnern zu lassen.”

Für den Rest des Buches führt Scipio mit der nach und nach eintreffenden Runde einen Diskurs über den Staat, der abwechselnd Vortrag seinerseits, abwechselnd Streitgespräch ist.

Wenn einigen das jetzt sehr antik und künstlich vorkommt, möchte ich an dieser Stelle zu meiner Pointe kommen: Macht es nicht großen Spaß, im alltäglichen Leben – nicht an der Uni oder sonst einer professionellen Umgebung – einem Menschen zuzuhören, der ein Gebiet voll und ganz beherrscht?

Noch besser ist es, wenn der Mensch von ähnlich Gesinnten und Gebildeten umgeben ist, mit denen er in ein hin und her fließendes Gespräch eintreten kann.Für mich hat es etwas Erbauliches, einer Runde von Menschen zuzuhören, die von ihrem Fachgebiet so eingenommen ist, dass sie sogar in ihrer freien Zeit darüber spricht und reflektiert. Es ist so ein erfrischendes Gegenbild zu den Menschen, die wir im Alltag meistens treffen, den Menschen der schlechtbezahlten Jobs, die z.B. in Fastfoodfilialen oder Supermärkten auf eine Funktion reduziert werden, die sie geistesbetäubt und mit gleichgültigen Augen ausüben, ohne je einen Gedanken darüber zu verschwenden. Und warum sollten sie auch? Aber auch an der Uni, dem angeblichen Hort der Gelehrsamkeit, trifft man unter den Studenten immer mehr solcher von ihrer Tätigkeit innerlich Distanzierter.

Ein Gespräch, wie ich es eben im Gasthaus zwischen den Mitarbeitern der IT-Abteilung eines offenbar größeren Unternehmens mitangehört habe, habe ich dort noch nie erlebt. Analyse der Gegenwart, Spekulation über die Zukunft und die eigene Rolle in ihrer Gestaltung, kritische Beurteilung gegebener, als gültig akzeptierter Tatsachen – all das habe ich zwischen den Biergläsern an diesem Tisch in der Sonne erlebt und vermisse es jetzt schmerzlich in unseren Hörsälen, die, nennen wir das Kind doch beim Namen, Klassenzimmer geworden sind, mit all den negativen Mitbedeutungen des Wortes – Langeweile, Unaufmerksamkeit, Trägheit und Uhrschielen.

Hoch lebe die Kompetenz!

deswegen geben viele vor