Ich begreife nicht, warum so viele Leute sich heute von Kriminalgeschichten unterhalten fühlen, die sich hauptsächlich durch scheußlich entstellte Leichen und ermittelnde Biochemiker auszeichnen. Das ist wirklich schade, denn wenn wir die Klassiker der Detektivgeschichten ansehen, die wir haben, sehen wir doch, welche Juwelen unsere Kultur da besitzt.

Mir fallen da natürlich hauptsächlich zwei Namen ein: Agatha Christie und Sir Arthur Conan Doyle. Seit kurzem lese ich wieder die Sherlock Holmes – Geschichten des letzteren und bin einfach nur begeistert. Wer braucht schon 400 Seiten skandinavisches Psychogeschwafel, wenn eine unterhaltsame und fesselnde Kriminalgeschichte

Einschub: Der Begriff “Kriminalgeschichte” zeigt schon den höheren Anspruch, der hier vorhanden ist. “Thriller” deutet typische amerikanische Effekthascherei an, die auf billigen Schauer, Blutlust und Nervenkitzel abzielt.

auch nur fünf, sechs Seiten lang sein kann. Außerdem: Ist nicht das spätviktorianische England der Jahrhundertwende, authentisch von einem Autoren der Zeit beschrieben, mit seinen ratternden Droschken, rußverschmierten Straßenjungen, fächertragenden Ladies und stöckeschwingenden Gentlemen eine viel interessantere Kulisse als irgendeine moderne Großstadt bzw. Hinterwäldlerkaff?

Wer jetzt argumentiert, dass aber der moderne Thriller-Held mit seiner dysfunktionalen Psyche doch einen viel interessanteren Protagonisten abgebe als ein alleswissender, omnikompetenter Sherlock Holmes, der sei auf Holmes’ starken Drogen- und Tabakkonsum verwiesen, auf seine für die damalige britische Gesellschaft absolut inakzeptable Unordentlichkeit im Haushalt, auf seine Lethargie, die ihn befällt, wenn er keinen Fall zu lösen hat. Nein, Holmes ist beileibe keine eindimensionale Figur.

Aber das Beste an seinen Abenteuern ist das gute alte ausgekügelte Rätsel, das in jedem Fall präsentiert wird. Neuere Kriminalromane scheinen vor allem auf Forensik und Psychologie zu beruhen, aber Rätsel wie z.B. in “Das gefleckte Band”, wo ein seltsames Pfeifen aus dem benachbarten Schlafzimmer zu einem scheinbar unerklärlichen Tod führt, sind heute selten. Das hat vielleicht damit zu tun, dass in unserer heutigen Vernetzungs- und Überwachungsgesellschaft echte Rätsel selten werden, was irgendwie traurig ist. Umso netter ist es, sich hinter ein altes Holmes-Buch zu klemmen und hundertzwanzig Jahre zurückzureisen in eine Zeit, als Verbrecher noch weiße Handschuhe trugen und Detektive Violine spielten.

Lest Holmes!

(Übrigens, auch die neueren Geschichten, die von heutigen Autoren für den Holmes-Kosmos geschrieben werden, sind sehr zu empfehlen. Da gibt es z.B. Hörspiele) Hier eine Liste zu Holmes-Texten.