Alberto Angela ist ein studierter Paläontologe und Fernsehmoderator in Italien, der sich dem Thema Geschichte in seinen vielfältigsten Ausprägungen verschrieben hat. In seinen TV-Sendungen behandelt er bevorzugt geschichtliche Themen, die mit Italiens antiker Vergangenheit zu tun haben.

Ich habe bisher zwei deutsche Übersetzungen seiner Bücher über das Alte Rom gelesen, Der Faszinierende Alltag im Römischen Reich und Liebe und Sex im Alten Rom. Beide haben mich schwer begeistert.

Das erste, weitaus dickere Buch spielt in der Zeit des Kaisers Trajan, also im zweiten nachchristlichen Jahrhundert. In dieser Zeit beginnt ein frisch gepresster Sesterz seine Reise durch das Römische Reich in jede Richtung seiner Ausdehnung, und während er die Hände von Besitzern aus allen Milieus und Lebensumständen wechselt, erfahren wir aufschlussreiche Dinge darüber, wie diese Besitzer gelebt haben. Wir treffen (dem Untertitel gemäß) Kaiser, Huren und Legionäre, fahren auf einem Schiff über das Mittelmeer, besuchen den Circus Maximus, gehen in die Thermen, sehen das Innere einer Bäckerei und, und, und …

Der faszinierende Alltag im Roemischen Reich von Alberto Angela
Der faszinierende Alltag im Roemischen Reich von Alberto Angela

Ich bin mir nicht sicher, ob es an seiner italienischen Nationalität oder seinem Beruf als TV-Moderator liegt, dass Albertas Erzählstil so locker und flockig ist und man dahingleitet wie in einem page turner, wobei man trotzdem das Gefühl hat, etwas zu erfahren. Auf jeden Fall schlägt die latinische Leidenschaft des Autors voll durch, wenn er über sein Lebensthema spricht … –  ich meine schreibt, aber während des Lesens hat man wirklich das Gefühl, den Autor eher zu hören als ihn zu lesen.

Der Ton des Erzählers ist tatsächlich der eines Fernsehmoderators. Man kann ihn beim Lesen vor dem geistigen Auge sehen, wie er durch die Straßen der Hauptstadt der antiken Welt geht, heftig gestikulierend und einen mit der Lässigkeit eines Showmannes angrinsend.

Die Lektüre des Buches ist wirklich extrem kurzweilig und nach ihr habe ich nun auf jeden Fall sehr viel mehr Respekt vor den alten Römern als zuvor und fühle mich um 150% Prozent besser gerüstet, einen historischen Roman in dieser Ära zu schreiben.

Ich würde das Buch nicht nur historisch Interessierten und Antikenfans empfehlen, denn seine große Stärke ist, dass es einen beim Lesen zu einem solchen macht, so lebendig und faszinierend wird einem eine Welt vor Augen gesetzt, deren Bewohner alle schon seit Jahrhunderten zu Staub zerfallen sind.

Das zweite Buch Angelas ist ein gutes Stück kürzer und ein wenig pikanter. Liebe und Sex im Alten Rom passt thematisch sehr gut in den Zeitgeist der Bestsellerlisten, wo Bücher mit halb verdeckten Brüsten auf dem Cover neben blutigen Thrillern dominieren. Es ist stilistisch genau wie sein Vorgänger. Erneut fühlt man sich tatsächlich vom Autor an der Hand genommen und in die Vergangenheit zurückversetzt, was sicher seine Absicht ist. Angela hat eine Schriftsprache gefunden, die perfekt zu seiner Moderatorentätigkeit passt. Dabei simplifiziert sie aber nicht, sondern illustriert. Historisch heikle und widersprüchliche Inhalte werden einem vermittelt, ohne dass man es merkt, so in Anspruch genommen ist man von dem Treiben der Menschen in den bunten oder weißen Togen(Prostituierte oder Senatoren), simplen braunen Tuniken (Mr. Normalo) mit ihren Sandalen und Geldbeuteln aus Leder und den intensiven Düften, mit denen sie den Gestank der Straße vertreiben wollen.

SexRom
Liebe und Sex im Alten Rom von Alberto Angela

Wo der Alltag in Form einer Reise aufgebaut ist, wie eine fortlaufende Erzählung, deren Protagonist eine Münze ist, ist das nächste Buch anders konstruiert. Der Autor stellt sich Fragen vor, die wir Heutige über das Sexleben der antiken Römer – das in unserer Popkultur ja ziemlich berüchtigt geworden ist – und beantwortet sie. Anstatt einer weiteren Inhaltsangabe liste ich hier einfach einige dieser Fragen und Kapitelchen auf:

– Wie verlobt man sich im Alten Rom?
-.Gibt es Sex vor der Ehe?
– Geht man mit seinem Mädchen aus?
– Wo geht man hin, wenn man jemanden abschleppen will?
– Erotika, Pornos und “Sexfilme”
– Bunga-Bunga im Kaiserhaus
– Die Bedeutung der Maßes
– Zwei Frauen über den künstlichen Phallus
– Auf welche Männer stehen die reichen Römerinnen?
– Die Hochzeitsnacht
– Das Kamasutra der Römer

Wie wir sehen können, wird jeder Winkel, von der Romantik bis zum harten Sex, des antiken Liebeslebens beleuchtet und dabei erlangt der Leser erstaunliche Erkenntnisse. Etwa dass die römische Frau im Sexleben dem Mann beinahe gleichgestellt war, selbst wenn sie von der heutigen (unabgeschlossenen) Emanzipation noch Lichtjahre entfernt war.

 Also: Wenn es euch um das gewisse Prickeln geht und ihr nichts dagegen habt, dabei auch etwas zu lernen, legt euch ruhig dieses Buch zu.
Erwerben könnt ihr die beiden Bücher hier und hier.