Ist es unfair, eine Geschichte danach zu beurteilen, dass sie starke Ähnlichkeit zu einer anderen hat? Irgendwann beim Lesen von Sandra Weihs’ Das grenzenlose Und kam mir der plötzliche Gedanke: “Das ist ja mehr oder weniger Das Schicksal ist ein mieser Verräter!”

Tatsächlich bestehen starke motivische Ähnlichkeiten zwischen John Greens Bestseller über die Liebe zwischen zwei todkranken Teenagern und dem Debütroman der österreichischen Sozialarbeiterin über zwei junge Erwachsene, die einen Selbstmordpakt schließen. Dass der Verlag auf der Amazon-Seite des Buchs angibt, die empfohlene Zielgruppe des Buchs seien 14-17jährige stärkt nur den Verdacht, dass hier auf der bereits wieder abgeebbten Welle der Teenie-Tod-Geschichten mitgeritten werden soll. Bei einem Verlag wie der Frankfurter Verlagsanstalt, der sich pro Saison nur auf sehr wenige Bücher konzentriert, verwundert mich das; andererseits, jeder Verlag braucht aus Überlebensgründen ab und zu einen Bestseller, und wenn sie die Hoffnung auf dieses Buch setzen wollen, sei ihnen das gegönnt. Es ist keine schlechte Wette. Dann müsste allerdings das Marketing besser werden, denn als ich das Buch gekauft habe, war mir nicht klar, dass es für Teenager sei. Natürlich ist nichts nur für Teenager, gerade heutzutage, aber diese Todesromantik wird wohl bei ihnen besonders stark vermutet.

Zurück zum Buch. Es geht um den 18jährigen “Sozialfall” Marie, die aufgrund einer unglücklichen Kinderstube und der allgemeinen Falschheit der Menschen und des Lebens genug von Letzterem hat, aber wegen eines netten Therapeuten noch ein paar Monate warten muss, bis sie den Schlussstrich ziehen kann. Bei diesem Therapeuten trifft sie den Hirntumorpatienten Emanuel, der sich ebenfalls töten will. Er bittet Marie, ihm die Angst vor dem Sterben zu nehmen, und sie treffen eine Abmachung, es nach Ablauf ihrer Wartefrist gemeinsam zu tun.

Die Handlung des Buches verläuft linear und weist keine großen Überraschungen auf und die Rollen der Figuren sind in ihr klar definiert: Oddball-Therapeut, der mit seiner Anti-Establishment-Verbrüderungstaktik und schockierenden verbalen Ungeschminktheit erfolgreich ist; strenge Sozialarbeiterin, hinter deren toughen Schale sich ein Becken voll Liebe verbirgt; Bodensatz der Menschheit in Bar, die die Ausflüge der Protagonistin in die Selbstzerstörung begleiten wie ein griechischer Chor und und und. Auch die üblichen Szenen sind zu finden: Wir-gegen-die-Welt-Graffiti-Aktion am Fluss, bei der die “Befreiung durch Schöpfung” erlebt wird; tiefsinniges Gespräch am Dachrand; trotziger Sex mit einer anderen gequälten Seele, die sich in Abgeklärtheit flüchtet – man hat das Gefühl, all diese Szenen weniger schon gelesen, als vielmehr in Filmen gesehen zu haben: oberflächlichen Hollywood-Filmen aus dem Mainstream.

Die Autorin, offensichtlich nicht allzu literarisch erfahren, sondern ihren Stoff aus ihrer unmittelbaren Erlebniswelt schöpfend, begeht für mich einen Kardinalfehler, indem sie die Marie (die in der Ich-Perspektive erzählt) immer wieder innere Monologe halten lässt, in denen das Thema das Romans durchgekaut und erklärt wird. So etwas stößt mich bei Texten prinzipiell gleich ab: wenn ganze Passagen offensichtlich aus dem einzigen Grund existieren, um dem Leser explizit zu machen, wie er das Ganze interpretieren soll. Nur keine eigenen Gedanken; das denken, was die Autorin sich gedacht hat. Was noch hinzukommt, ist, dass viele dieser Passagen unerträgliche Plattitüden enthalten, von denen am Anfang des Buches noch wenig zu spüren ist, die aber gegen Ende hin häufiger und wirklich lästig werden. Hier ein paar Beispiele:

“Merkst du eigentlich, was du machst? Du schlägst mir ins Gesicht. Wir sind Freunde geworden, und du trittst diese Freundschaft mit Füßen.” (Das sagt so tatsächlich eine Figur. Die Dialoge sind gelegentlich auch eine Schwachstelle des Buches. So wie Marie, oder in diesem Fall Emanuel, daherredet, stellt man sich anstelle eines 18jährigen Sozialfalls oft eine indignierte alte Dame von makelloser Bildung vor. Oder eine Figur aus einer Telenovela.)

“Wohin soll ich gehen? In die Welt. Was ist die Welt? Die Welt ist alles, was ich sehe, fühle, denke, erfahre.” (Geht es nun um eine deprimierte junge Frau oder um eine Frau mit pseudophilosophischen Allüren?)

“Was ist schon Wahrheit. Die Wahrheit ist immer nur eine Geschichte.”

Und so weiter. Das Buch hätte viel gewonnen, wenn 90% dieser Selbstreflexionen wegfielen. Wenn nur unbegleitet die Unvermeidlichkeit des nahen Todes dastünde und auf den Figuren lastete. Es ist eine Weile her, dass ich Das Schicksal ist ein mieser Verräter gelesen habe, aber soweit ich mich erinnere, gab es darin kaum solche Floskeln. Nur Sarkasmus und Galgenhumor, mit wenigen wertvollen Momenten nackter Ehrlichkeit dazwischen, was mir weit literarischer vorkommt als diese relativ systemlose Gefühlsduselei. Und wo Weihs’ Buch am Ende vor der Sentimentalität einknickt, bleibt Greens Buch bewundernswert nüchtern, wodurch es erst recht einen mächtigen emotionalen Sog entwickelt. Am schlimmsten ist aber, dass Maries Charakter sich einer ziemlich plötzlichen, ziemlich unmotivierten Wendung hin zum Leben unterzieht, die in dem Zynismus und der intellektuellen Abgeklärtheit, die sie über einen großen Teil des Buches hinweg zur Schau gestellt hat, nicht möglich sein sollte.

Alles in allem ist es für mich also ein unausgewogenes Buch, das manchmal hoffnungslos schwarz, manchmal klebrig süß, manchmal unerträglich altklug und manchmal schier unglaubhaft und schablonenartig ist. Es kommt auch ein bisschen verspätet dem Zeitgeist hinterher, vor eineinhalb Jahren hätte es besser gepasst.

Bottom Line: Kurzweilig zu lesen, kann bei Leuten, die John Green nicht kennen, recht erfolgreich sein. Würde stattdessen aber Das Schicksal ist ein mieser Verräter oder Nick Hornbys A Long Way Down empfehlen.