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Wenn man von Deutschland als dem Land der Dichter und Denker denkt, scheint einem der Blick auf die Gegenwart unweigerlich einen nicht unbeachtlichen Widerspruch aufzutun. Namen wie Goethe, Schiller, Lessing, Hölderlin, Wieland, Hegel, Kant, Nietzsche, Schopenhauer, Fichte, Mann, Brecht, Böll überspannen eine Ära, die vom frühen achtzehnten Jahrhundert bis in die Weltkriegsjahre reicht und, je näher sie an die uns bekannte Gegenwart herankommt, langsam abzusterben beginnt. Nach zwei Weltkriegen, die das ruhige, besonnene Wesen der Deutschen unter dem Bombenhagel schriller Ressentiments und Ängste zerrissen haben, und der sanft-aufdringlichen Umarmung durch die amerikanische Entertainmentkultur ist der Geist, der das Dichten und Denken erst möglich macht, zersprungen in hundert, tausend kleine Fragmente, die alle der einen oder anderen ängstlich-vergnüglichen Ablenkung nachgehen. Heute ist Deutschland ein weiteres großes und saftiges Stück Fleisch für die Netzkonzerne, die nicht zögern, ihre Kultur solange in es einzupflanzen, bis sich der kulturelle Output in Exceltabellen messen und in die digitale Monetarisierungsmaschine eingliedern lässt, sodass er am Ende von ihr bestimmt wird.

Kann das Deutschland von heute noch mit Recht behaupten, das Land der intellektuellen und poetischen Gedanken zu sein, oder ist es nicht viel eher das Land der Ingenieure und der Amerikanisierten? Ist die Buchkultur noch auf der Höhe, in der Verleger wie Samuel Fischer, Anton Kippenberg und Peter Suhrkamp operiert haben, oder besteht sie eigentlich kaum noch, anästhesiert und langsam ausgeblutet durch skandinavische Thriller und amerikanische Unterwerfungssexromane?

Ich will diese Überlegungen und Fragen hier stehen lassen und mich einer Jahrhundertfigur deutschen Dichtens, Denkens und Wirtschaftens zuwenden: Siegfried Unseld. Einem Titanen, in dem sich das Beste aus Kultur und Wirtschaft vereint. Einem Titanen, wie er unter den heutigen Getriebenen der Verlagswelt nicht mehr zu finden ist.

Siegfried Unseld wurde 1924 in Ulm geboren, als Sohn des NSDAP-Mitglieds Ludwig Unseld. 1942 wurde er in die Wehrmacht eingezogen, wo er eine Ausbildung als Funker absolvierte und den Krieg in dieser Tätigkeit hinter sich brachte. Nach Zusammenbruch des Dritten Reichts arbeitete er eine Zeit lang als Kraftwagenfahrer für die Briten, bis er ehrenhaft entlassen wurde. An dieser Stelle muss gesagt werden: Das ganze Leben Siegfried Unselds ist eine diametrale Widerlegung aller Thesen und Denkweisen der Nazis. Natürlich war Siegfried Unseld in der Wehrmacht, er war eingezogen worden. Pflichterfüllung und Landestreue waren seiner Generation in die Wiege gelegt. Er war ein anständiger, tapferer Mann und wie hunderttausende Andere gefangen in einem anstandslosen System, gegen das er nicht das geringste ausrichten konnte. Es blieb ihm nur, die Pflicht zu tun, da alles andere seine Kameraden gefährdet hätte.

Nach dem Krieg absolvierte Unseld eine Verlagslehre und studierte Germanistik. Er promovierte über Hermann Hesse, einen Autor, den er sein Leben lang bewunderte. Schließlich fand er seinen Weg zu Peter Suhrkamp, einen ehemaligen Lehrer und Journalisten, dessen frisch gegründeter Verlag schon dabei war, unter seinem Dach zu versammeln, was im literarischen Nachkriegsdeutschland Rang und Namen hatte. Als Suhrkamp starb, beerbte ihn Unseld in der Leitung des Verlags und damit begann eine einzigartige literarische Erfolgsgeschichte, die in diesen Jahren unter dem Druck der e-book-Welle und Amazons zunehmender Vorherrschaft ihr Ende findet.

Was machte Siegfried Unseld den Verleger aus? Nachdem ich seine Briefe und Texte gelesen habe, kann ich sagen, vor allem Selbstreflexion, Bildung und Leidenschaft. Außerdem eine Wertschätzung der hohen Kunst, die sich von einem Auge für das Ökonomische nicht beschmutzen ließ. Unselds Karriere ist ein machtvolles Argument für Intellektuelle in wirtschaftlichen Machtpositionen.

Unseld wurde über die Jahre von außen und auch von innen (seinen Autoren) als Machtmensch kritisiert, als autoritärer pater familias, der zu sehr aufs Geld schaue. Aber was ist ein Verleger anderes als jemand, der aufs Geld schauen muss? Die Kehrseite ist doch: Er bringt Literatur unters Volk, was ohne Geld nicht möglich ist. Und die andere Seite des Unseld unterstelltem Autoritarismus ist seine unbedingte Bereitschaft, die Verantwortung für seine Autoren und Angestellten zu tragen. Damit ist er neben einem wertvollen Literaturmenschen auch ein wertvoller Unternehmer, wie sie heute neben den Dichtern und Denkern auch immer seltener werden – ein Mann, der tut, was er kann, aber nicht mehr verspricht.

Als Doktor der Philologie konnte Unseld natürlich nicht allein mit der reinen buchhalterischen Verwaltung seiner assets zufrieden bleiben, nein, er wollte ins literarische Leben eintauchen und sich selbst beteiligen. Das tat er zum Beispiel mit seinem sehr wertvollen Buch “Der Autor und sein Verleger”, in dem er seinen Beruf und dessen Aufgaben reflektierte.

Literatur ist immer das, was Autoren aus ihr machen. Die Aufgaben des literarischen Verlegers mögen sich im Detail des fließenden literarischen Kommunikationsprozesses leicht geändert haben, im Grunde sind es die alten: bereit zu sein für den Autor, für das Neue seines Werkes, und mitzuhelfen an seiner Wirkung. 

Suhrkamp unter Unseld wurde berühmt dafür, nicht Bücher, sondern Autoren zu verlegen. Er suchte sich sehr genau aus, wen er ins Boot nahm. Dafür glaubte er dann an diese Person, stand hinter ihr und half sie . Das ist ein großer Vertrauensbeweis von einem Unternehmen, das unterm Strich wirtschaftlich bleiben muss. Dennoch gelang es Unseld, eine Speerspitze der hohen Kultur zu bleiben und nicht dem Massengeschmack hinterherzurennen. Ohne dieses Engagement sähe die deutsche Literaturgeschichte der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr anders aus.

Wer baut heute noch Autoren auf? Heute, scheint es, sind die Verlage Huren, die jedem Trend aus der immer infantiler werdenden popkulturellen Sphäre hinterherlaufen. Wo sind die Unselds heute? Hat Amazon sie wirklich alle gefressen?

Leseempfehlungen:

Der Autor und sein Verleger

Siegfried Unseld: Sein Leben in Bildern und Texten