„Du bist ein Straßenjunge, nicht wahr? Warum stiehlst du?“, frage ich.

Ich stehe barfüßig auf dem kalten Steinboden und wage nicht mich zu rühren. Meine Hand ist in einer beruhigenden Geste halb zu ihm ausgestreckt.

Der Dieb verharrt angespannt in der Nähe des Fenstersimses. Wenn ich mich ihm nähere, wird ihn ein schneller Sprung einfach aus dem Fenster tragen und er wird für immer verschwunden sein.
Ich will aber mit ihm reden, und deswegen bin ich ganz vorsichtig.
„Warum ich stehle?“, sagt er widerwillig. Seine Augen blitzen zornig hinter dunklen Strähnen auf. „Weil ich ein Straßenjunge bin. Und außerdem bin ich gut darin.“
Ein provokant zur Schau gestellter Stolz liegt in seinen letzten Worten.
„Aber du könntest doch zu den Speisungen des Königs gehen. Und die Orden nehmen Kinder auf, die niemanden mehr haben. Du musst nicht–“
„Ich bin kein Kind mehr.“, entgegnet er scharf.
In diesem Moment beginnt die Luft zwischen uns zu zittern. Eine Kraftwelle pulsiert unsichtbar durch den Raum.
Meine Augen öffnen sich weit. Empfinde ich gerade wirklich das, was ich glaube? Kein Zweifel, es ist dasselbe, was ich in der Nähe von Lyly empfinde. Der Atem der Veränderung, so nennt Merlin es.
Magie.
„Wer … wer bist du?“, frage ich unsicher. „Woher…“
Die Worte ersterben auf meinen Lippen, als sein Blick mich trifft. Er ist immer noch empört darüber, dass ich ihn ein Kind genannt habe, ahnt aber wohl nicht, was er gerade getan hat. Magie ist an ihm. Es kommt mir jetzt so offensichtlich vor, dass ich mich frage, warum ich das nicht gleich gesehen habe. Nein, ich weiß es. Ich hatte noch Angst vor ihm, vor dem Schatten, der an ihm haftet. Er ist wütend und verletzt hinter seiner Fassade des gleichgültigen Straßendiebs.
Soll ich ihm sagen, was ich beobachtet habe? Ich öffne den Mund, zögere aber dann. Die Worte kommen mir nicht. Ich brauche mehr Zeit.
„Habt Ihr mich genug angestarrt, Prinzessin? Dann hau ich jetzt ab.“
Ich habe zu lange geschwiegen. Aber trotz seiner Ankündigung macht der Junge keine Anstalten, zu gehen. Er ist auch von mir fasziniert.
„Wie ist dein Name?“, frage ich ermutigt von dieser Erkenntnis. Ich darf –
will – ihn nicht gehen lassen.“
Erst schweigt er lange, sodass ich glaube, er wird mir nicht antworten, aber dann sagt er: „Erec.“
„Erec.“, wiederhole ich. „Ein schöner Name. Ungewöhnlich. Jedenfalls für einen Straßenjungen.“
Erec lacht hart und schüttelt sein schwarzes Haar. Im Augenblick liegt viel Düsternis darin, aber ich mag das Lachen trotzdem, denn ich kann auch eine warme Note darin wahrnehmen, die normalerweise wahrscheinlich überwiegt.
„Vielleicht bin ich ja der Sohn eines in Ungnade gefallenen Adelspaars. Könnte gut sein.“
„Weißt du nicht, wer deine Eltern sind?“, frage ich zaghaft.
„Nein.“, antwortet er nur. Er wendet sich wieder zu meinem Fenster um. Ein Meer aus spitzen Dachgiebeln erstreckt sich bis an die ferne Stadtmauer. Sein Reich. Er will dahin zurückkehren.
„Es war mir eine Ehre, mit Euch zu parlieren
, Prinzessin“, sagt er mit Spott in der Stimme, der nicht ganz echt wirkt, „aber mich rufen dringende Geschäfte und Ihr braucht Euren erlauchten Schlaf. Noch ein schönes Leben!“
Mit der Geschmeidigkeit und Schnelligkeit einer Katze sitzt er plötzlich mitten im Fensterbogen. Sein Kopf ist mir noch seitlich zugewandt und für einen kurzen Augenblick malt der Mond die Hälfte seines Gesichtes mit weißem Licht, während die mir zugewandte Seite dunkel ist. Nur sein Auge funkelt mich daraus an.
„Warte!“, rufe ich, von plötzlicher Panik erfüllt, ihn zu verlieren.
Und womit ich nicht gerechnet hätte, geschieht: Er wartet wirklich.
„Mein Vater hält morgen nach der Mittagsstunde eine Volksaudienz, zu der die Bedürftigen ihre Nöte vortragen dürfen. Komm dorthin und ich verspreche dir, du wirst ein offenes Ohr finden.“
Das Licht ist jetzt in seinem Rücken. Ich kann nur noch seine Augen sehen. Zu meiner Verwirrung lese ich darin keine Freude, sondern Bitterkeit.
„Vielen herzlichen Dank für Eure Huld, Prinzessin. Schenkt sie jemandem, der nicht auf sich aufpassen kann.“
Damit schwingt er sich Beine zuerst aus dem Fenster und beginnt so schnell abwärts zu klettern, dass er ein paar Augenblicke später schon aus meiner Sicht verschwunden ist.
Ich laufe zum Fenster und sehe hinab. Er hat schon fast ein Drittel der Strecke geschafft. Ich sehe, dass er seinen Dolch als Hilfsmittel benutzt, aber es ist mir trotzdem ein Rätsel, wie er sich nur so mühelos diese steile, haltlose Wand herabbewegen kann.
Oder nein, denke ich, eigentlich weiß ich es.
Ein lichter Glanz steigt bei diesem Gedanken aus meinem Finger auf und entschwebt in die Nacht.

Die Kletterpartie hat lange gedauert. Obwohl er beim Klettern ein besonderes Gefühl hat, das ihm sagt, wo seine Finger- und Fußspitzen Halt finden werden, ist es natürlich trotzdem keine Kleinigkeit, über Dutzende von Metern eine senkrechte Wand hinabzuklettern. Die Sterne beginnen schon zu verblassen, als Erec wieder festen Stein unter den Füßen hat und sich auf den Rückweg zu seinem Schlafplatz machen kann. Es ist wichtig, dass er ihn noch vor der Dämmerung erreicht, bevor die ersten Handwerker aufstehen und das Licht der Sonne seinen Zugang über die Dachluke enthüllt.
Während er sich schnell von der Palastmauer entfernt und in den engen Gassen Schutz sucht, dabei immer auf die Schritte und den Laternenschein der Nachtwächter achtend, ist er aber ungewöhnlich zerstreut. Mehrmals hätte er fast einen Weg genommen, der riskant ist und Entdeckung so gut wie garantiert. Er flucht und zwingt seine Sinne zusammen. Mit
dieser Beute erwischt zu werden, wird ihn direkt an den Galgen bringen. Keine Nacht im Verließ, keine Schläge, nein, direkt der knarzende Strick. Das will er nun doch nicht, auch wenn er das Leben einer Müllratte führt.
Sie ist schuld. Sie mit ihren Augen. Das hohe Mädchen. Warum hat sie aufwachen müssen? Und ihn dann ansprechen?
Er kann den sanften Klang ihrer Stimme, als sie ihn bat, ihr das wertlose Holzkreuz zu lassen, nicht aus den Ohren bekommen. Wie den unablässigen Lärm der Schenke im Keller des Hauses, in dessen Dachboden er schlief, wird er sie einfach nicht los.
Mehrmals schüttelt er den Kopf, um den Gedanken an sie loszuwerden. Je schwerer es ihm fällt, umso wütender wird er. Solche Zärtlichkeit macht ihn nur schwach. Sie ist etwas für die Hofleute und die Sänger bei ihren Festgelagen, nichts für Jungen wie ihn, die die Krumen ihrer Existenz zwischen den Füßen der ehrbaren Leute herauspicken müssen.
Er atmet auf, als er den Bezirk der Schmuckmacher und Goldschmiede hinter sich gelassen hat. Das Risiko, aufgegriffen zu werden, ist jetzt stark gesunken. Er erreicht die Bäckerei zu Beginn der Brotmachergasse und ist in weniger als einer Minute über ihre stufige Fassade aufs Dach gelangt. Dort klettert er ein Abgussrohr auf das nächsthöhere Dach hoch und ist jetzt endlich in Sicherheit. Zwischen den spitzen Giebeln und Schornsteinen ist er vor den Ordnungshütern in Sicherheit. Jetzt muss er nur noch auf andere Diebe und Flüchtige aufpassen, die sich oft auf den Dächern verstecken. Aber die meisten von ihnen kennt er und ist durch ein Band professionellen Respekts mit ihnen verbunden.
Endlich hat er wieder nur den freien Himmel über sich. Erec mag es hier oben. Hier ist man frei von der erdrückenden Enge der schmutzigen, dunklen Gebäude, die sich auf den Straßen über einen drängen wie der dunkle Aufseher, und auch die Luft ist hier reiner und frischer.
Nur nicht um diese Zeit, da die Öfen der Bäcker befeuert sind und ihn, überall aus den Schornsteinen und Schächten ringsum aufsteigend, in Wolken aus Ruß und Rauch hüllen. Und noch etwas anderes stellt er mit ekelverzerrtem Gesicht fest: Heute geht ein Nordwind. Mit sich bringt er den atemraubenden Gestank der Schlächter- und Gerberhöfe, die nördlich der Stadt am Fluss liegen.
Flink springt er Dächer auf und ab, läuft über Giebel und Simse und hantelt sich Erker entlang, bis er, am Horizont ist jetzt ein definitiver heller Rand zu sehen, auf dem großen Dach der Wirtschaft angekommen ist.
Er läuft auf die andere Seite zu der Luke, die er mit einem Holzkeil aufgeklemmt hat, legt den Sack neben sich ab und kniet sich nieder, um sie zu öffnen, als ihn die Stimme eines Mannes hinter ihm beinahe einen Luftsprung vollführen lässt.
„Du bist heute ganz schön lange fortgewesen, Erec.“
Erec unterdrückt seinen Schrecken und verwandelt ihn in eine Reaktion, indem er herumfährt und in einer schnellen Bewegung seinen Dolch zieht. Er hat ihn noch nie einsetzen müssen und bisher immer auf seine abschreckende Wirkung vertraut, aber der Mann, dem er sich nun gegenübersieht, wirkt nicht, als ließe er sich von einem Messer aus der Ruhe bringen.
Er ist groß, breitschultrig und trägt unter einem langen, schwarzen Mantel Eisen. Das lange Heft eines richtigen Schwerts ragt bedrohlich über seine Hüfte hinaus.
Wie ist er mit dieser Ausrüstung hier herauf gekommen?, fragt Erec sich unwillkürlich.
Trotz seiner Drohgebärde macht er einen Schritt zurück. Dann bückt er sich schnell und zieht den Jutesack nach.
Der Fremde lacht leise und unangenehm.
„Ich will dir deine Beute nicht streitig machen. Obwohl ich annehme, dass dein Raubzug diesmal sehr ergiebig war.“
„Wer seid Ihr? Woher kennt Ihr meinen – wie seid Ihr…?“
Eine Menge Fragen wirbeln in Erecs Kopf durcheinander, alle ausgelöst von der völlig unmöglichen Erscheinung an diesem Ort. Der Mann vor ihm sieht nicht nur wie ein Ritter aus, sondern schon fast wie ein Fürst.
Er ist ziemlich alt, sicher schon über der Dreißig, und hat rabenschwarzes Haar, das ihm gewellt auf die Schultern fällt. Schon allein der seidige Glanz dieses Haars im Mondlicht verrät seine hohe Abstammung. Bei einem Nicht-Schlossbewohner wäre es fleckig und stumpf.
Graue oder schwarze oder vielleicht auch dunkelbraune Augen stechen aus seinen scharfen, bleichen Zügen hervor und nehmen Erec unerbittlich in die Mangel. Nur mit Mühe kann der Junge sich von ihnen lösen und den Rest der Gestalt nach einem Wappen oder irgendeinem anderen Hinweis auf ihre Identität untersuchen, aber der dunkle Mantel und der Brustpanzer sind das Einzige, was er erkennen kann.
„Wer ich bin?“, fragt der Fremde spöttisch. „Ich bin derjenige, dessen Hand dich aus der Gosse heben wird, was sagst du dazu?“
Erec merkt, dass ein ganzer Körper angespannt ist. In Flucht- oder Kampfhaltung. Das Messer brennt in seiner Hand und er hätte es fast fallen lassen. Etwas geht von dem Mann vor ihm aus, eine dunkle, unsichtbare Präsenz, die bis in sein Innerstes auf ihn einwirkt und ihn erschüttert. Zugleich aber kann er seine Augen nicht von dem Gesicht des Fremden abwenden, das etwas Bezwingendes, unbedingten Gehorsam Einforderndes in sich hat.
Er lässt sein Messer auf den Boden fallen, wo es die Dachschindeln hinabrutscht und sich am Rand verfängt. Selbst wenn er die Kraft besäße, es gegen den Edlen zu verwenden, hätte dieser doch nicht die geringste Mühe, ihn zu überwältigen.
„Gute Entscheidung.“, sagt die Stimme und Zufriedenheit über deren Anerkennung durchdringt Erec bis zur letzten Pore.
Bis sein Wille erwacht. Was tut er denn da, sich vor einem Edelmann, der in sein Zuhause eingedrungen ist, so bloßzustellen?
„Sagt mir, was Ihr wollt, und dann verschwindet.“, knurrt er mit äußerster Anstrengung.
Aber das Lächeln des anderen wird nur noch breiter.
Er muss ein Magier sein, alles andere ist unmöglich., sagt sich Erec und beißt die Zähne zusammen.
„Du bist wirklich vielversprechend. Wir werden gemeinsam eine Menge erreichen.“
„Was sollte ich mit Euch erreichen wollen? Ihr tretet auf unseren Köpfen herum und nennt euch groß!“ Er wünscht sich sein Messer zurück, aber um es zu holen, müsste er dem Ritter den Rücken zukehren, und
seiner wird nicht von Stahl geschützt, sondern nur von löchrigem Leder.
„Es ist ganz einfach.“ Der andere macht einen Schritt auf Erec zu, der nicht weiter zurückweichen kann, ohne in die Schräge zu gelangen, und breitet die Arme aus, wobei sein Umhang breit um ihn wallt wie die Flügel eines Adlers. „Ich verschaffe dir, was dein Herz begehrt, und du erfüllst mir meinen sehnlichsten Wunsch.“
„Was könnte jemand wie Ihr schon wünschen?“, widerspricht Erec. Bitterkeit und Trotz überlagern für den Moment seine Furcht. „Ihr habt doch alles.“
Der Edelmann lächelt dünn.
„Hast du eine Ahnung, junger Mann. Aber du wirst schon noch lernen, was als Einziges zählt.“, sagt er. Dann streckt er ihm seine von schwarzer Seide überzogene Hand hin. Irgendwo in dem Labyrinth der Dächer ertönt der harte, trockene Schrei einer Krähe. Bei seinen nächsten Worten klingt die angenehme warme Stimme des Ritters beinahe auch krähenhaft.
„Ergreife meine Hand und ich werde dir die
ihre geben. Wie klingt das, Straßenköter?“