Und los geht die Reise.

Beziehungsweise – nicht wirklich. Im Film fällt Frodos Aufbruch von Beutelsend direkt mit dem Ende der Enthüllungen Gandalfs über Sauron und den Ring zusammen. Was dramatisch gesehen auch Sinn macht. Im Buch aber vergehen Wochen und Monate dazwischen.

Es ist, als ob die hobbit’sche Gemütlichkeit sich mit Händen und Füßen gegen den Stein des Abenteuers wehrt, der langsam, aber mit unerbittlicher Beschleunigung ins Rollen kommt. Gandalf selbst gastiert sogar noch zwei Monate (!) in Beutelsend (Was treibt er da bloß, womit beschäftigt er sich? Pfeife rauchen?, fragt man sich),  bevor er aufbricht, um jenseits der Südgrenze etwas zu überprüfen. Es ist abgemacht, dass er und Frodo gemeinsam reisen, Gandalf also bis zu Frodos Geburtstag zurück sein muss. Doch noch im Herbst hat Frodo kein Wort vom Zauberer erreicht. Es bleibt still.

Frodos Unruhe wächst; er beginnt zu ahnen, dass er vermutlich alleine aufbrechen muss. Von Anfang an ist Frodo in seiner Reise nach Mordor auf sich gestellt, auch wenn sich das erst ganz am Schluss tatsächlich manifestiert, wenn am Schicksalsberg sogar Sams Beistand wirkungslos verpufft.

Schließlich bricht Frodo also auf, gemeinsam mit Gärtner Sam Gamdschie und seinem jungen Vetter Peregrin Tuk. Sein anderer Freund, Meriadoc Brandybock, ist mit dem Hausrat schon auf der Straße vorausgefahren. Frodo und seine Freunde wollen ihm auf ihr folgen. Doch die bequeme Wanderung, die sie sich vorgestellt haben, findet ein jähes Ende, als sie sich von unheimlichen schwarzen Reitern verfolgt finden. Die Macht des Feindes ist bereits im Herzen von Frodos vermeintlicher Sicherheit angekommen. Die Hobbits fürchten die Reiter instinktiv, doch hätten sie gewusst, um was für furchtbare Wesen es sich bei ihnen wirklich handelt – erst Aragorn/Streicher wird sie aufklären – wäre es mit ihrem Mut wohl schnell vorbei gewesen.

Aus Furcht vor ihren Verfolgern verlassen sie die Straße und kämpfen sich von nun an durch die reine Wildnis, was Tolkien Gelegenheit zu seinen berüchtigten Naturbeschreibungen gibt. Das Kapitel enthält auch eines der typischen hobbitschen Wanderlieder, die von Rezipienten oft als christlich in ihrer Todes-/Jenseitsmetaphorik gedeutet wurden, eine Sichtweise, die mich recht überrascht hat, beim erneuten Lesen von Versen wie Dann wiederum verblasst die Welt – / Daheim! Wie mir das Wort gefällt! oder Sand und Stein und flache Sohl, / Lebewohl! Lebewohl! aber einleuchtend wirkt.

Zum Schluss des Kapitels treffen die Hobbits zu Sams großer Freude auf wandernde Elben. Nach Bewirtung und Musik sitzt deren Anführer, Gildor, mit Frodo zusammen und gibt ihm den Rat, sich nicht mehr auf die Sicherheit der Heimat zu verlassen, (“Das Auenland ist nicht länger ein Schutz für dich.”) auch nicht auf Gandalf zu warten, sondern sofort nach Bruchtal aufzubrechen.

Damit ist es offiziell: Frodo ist verstoßen. Die Reise beginnt.


Es wird oft gesagt, dass Herr der Ringe eine Handlung hat, die sich allmählich vom Kleinen ins Große entfaltet. Das ist wahr. Wenn man die ländliche Idylle von Bilbos Fest im kleinen Hobbingen nimmt, diese Mikroschau von ruralem Leben, und dann zum anderen Ende der Handlung springt, in der große Schlachten in weit entfernten Landen toben und Frodo und Sam durch eine bizarre, öde Wüste einen flammenden Berg suchen gehen, kann man das Wachsen der Skala beinahe in Zeitraffer beobachten. Nicht ohne Grund bezeichnen viele Leser den Gefährten-Abschnitt als ihren liebsten Teil der Geschichte, denn im Grunde interessieren einen ja nicht die großen Schicksale von Ländern wie Gondor oder Rohan, sondern die Wege der kleinen Hobbits und ihrer Gefährten durch eine zauberhafte, märchenartige Welt, die im Verlauf der Handlung aber zunehmend entzaubert und den schnöden Machtspielen der Menschenwelt unterworfen wird. Hier, zu Beginn, ist die Magie aber noch ganz frisch.