Nun, da bald die gedruckte Version des Auftakts der Regenbogenblitz-Saga erscheint, ist ein guter Zeitpunkt, ein paar Outtakes zur Schau zu stellen.
Der in medias res – Einstieg, mit dem der Roman jetzt beginnt, hat nicht von Anfang an festgestanden. Ursprünglich hatte ich ganz chronologisch mit dem Erwachen Laras und ihrem Tag an der Akademie begonnen.
Zum Glück gab es da zwei Testleserinnen, die furchtlos genug waren, mir die schreckliche Wahrheit ins Gesicht zu sagen: Zu langweilig!
Ich las selbst noch einmal den ersten Akt und bemerkte, dass sie recht hatten. Bis die Handlung in Fahrt kam und ein wenig Action losging, dauerte es einfach zu lange. Ich folgte also dem Tipp einer der Leserinnen und verschob die Episode auf Regenbogen-Eiland auf den Anfang. Und voila – es funktionierte perfekt.
Als Geschichtenschmied ist man sehr viel öfter auf den Input von außen angewiesen, als es der eigene Stolz verträgt. Aber am Ende schreibt man immer für andere, wozu also sich in ihm verbarrikadieren wie in einer Trutzburg?
Zusätzlich zu der Vertauschung in der Chronologie habe ich auch einige Zusatzinformationen über die Welt von Unara und New Town eliminiert, die den Beginn einfach zu sehr verlangsamt hätten. Auch der Ton des Erzählers ist ein sehr anderer, wie ihr merken werdet, wenn ihr die Endversion schon kennt.

Hier also der ursprüngliche Prolog von “Ein Blitz aus heiterem Himmel”:

.

Am Südende einer Insel irgendwo im endlosen Türkis des Großen Südozeans liegt die Stadt New Town. New Town ist die Art von Stadt, deren Straßen breit und sauber und gut asphaltiert sind und von weiß im Licht der Sonne glitzernden Bürgersteigen gesäumt werden. Eine Vielzahl von Kanälen verläuft durch das Stadtzentrum und das Meereswasser, das sie durchfließt, schimmert manchmal grün wie das Leben, dann wieder blau wie die Ewigkeit, und immer tummeln sich darin Fische als hunderte helle Flecken.
Die Hochhäuser von New Town sind ausschließlich aus Wunderglas und Mondstahl gebaut und ragen hoch und schneeweiß in einen Himmel, den während des größten Teils des Jahres kaum eine Wolke trübt. (Außer natürlich zur Zeit der Regenstürme.)
Man kann sich New Town auch als eine Ansammlung von allerreinstem Weiß vorstellen, einen Bergkristall umrahmt von dem blauen Opal des Meeres. Aber wenn man das tut, darf man die grünen Adern nicht vergessen, die sich durch diesen Kristall ziehen und sich immer wieder zu großen Flecken und Streifen zusammenballen. Denn in New Town kann man kaum einen Fuß vor den anderen setzen, ohne in einen Park, auf eine Wiese oder unter die rosa Blüten von Herzbäumen zu treten.
Den Bewohnern von New Town, das die Kolonie eines großen, mächtigen, technologisch weit fortgeschrittenen Kontinents ist, ist die Natur nämlich über alles wichtig. Intelligent, strebsam und friedliebend leben die Einwohner dieser Inselstadt mit ihr im Einklang und machen New Town so zu einem Idyll der Ruhe und des Friedens in einer Welt, wo diese Dinge selten geworden sind.
Für unsere Geschichte ist New Town sehr wichtig, denn in dieser Stadt inmitten des Ozeans leben die Mädchen, um die sich bald alles drehen wird.
Aber bevor es losgeht, müssen noch ein paar Worte über die Welt verloren werden, in der wir uns befinden. Sie hat mit unserer eigenen nicht viel gemeinsam, außer dass es auch hier Meere gibt und Gebirge, Wüsten, Wälder, Sümpfe und Täler. Und ebenso wie es unter uns Hass, Neid und Grausamkeit, aber auch Liebe, Mitleid und Hoffnung gibt, sind diese Eigenschaften auch auf dem Planeten Unara vorhanden, auf dem New Town liegt, und in den unsere Erde viele Male hineinpassen würde.
Als Bewohner dieses Planeten sehen die New Towner auf den ersten Blick fast genauso aus wie wir Menschen. Nur bei genauerem Hinsehen finden sich feine Unterschiede.
Während unsere Augen normalerweise von nur einer Farbe sind, so schillern ihre Augen in Orange-Violett, Marin-Türkis, Azur-Scharlach oder anderen fantastischen Kombinationen; wo wir unsere liebe Not damit haben, unsere Haut, Haare und Zähne zu pflegen, damit sie so aussehen wie bei den Schauspielern auf den Plakaten, kommen die Bewohner New Towns ohne diese lästige Routine aus; und wenn sich im Laufe unseres Lebens die jugendliche Frische langsam auflöst und verflüchtigt, hält sie sich bei diesem überaus gesunden Volk sehr viel länger.

 Aber verschwenden wir keine Zeit mehr mit Erklärungen, ihr werdet das alles selbst sehen. Denn jetzt räkelt sich ein Mädchen namens Aylara Storm, das von ihren Freundinnen Lara genannt wird, in weißen Bettlaken und ist kurz davor, aufzuwachen. Die drei Sonnen von Unara schieben ihre orange glühenden Ränder über den hellen Horizontstreif und schicken ihre Strahlen durch das Fenster im dreiundneunzigsten Stock eines der Hochhäuser New Towns und direkt in Aylaras Zimmer. Wie tastende Finger gleiten sie still und leise über einen von Büchern, Zetteln und allerlei technischem Gerät, das unserer Technologie nicht unähnlich ist, übersäten Schreibtisch hinweg, fallen auf den Boden und nähern sich dem Bett. Wenn sie sein Kopfende erreicht haben, werden sie Aylaras goldene Haare, die darauf ausgebreitet sind, zum Leuchten bringen und sobald sie die Augenlider unseres Mädchens berühren, wird der bunte Traum, in dem Aylara auf dem Rücken von silbernen Seestuten durch smaragdgrüne Lagunen schwimmt, in tausend Richtungen verfliegen und die Heldin dieser Geschichte erwachen lassen. Gleich ist es soweit. Wartet nur ab. Und seht.

.

Das also Beispiel eins für einen typischen Fall von “Show, Don’t Tell!”, ein relevantes, wenn auch nicht immer gültiges erzählerisches Mantra.

Und hier noch ein zweites Outtake, ebenfalls aus den ersten Seiten, in dem mehr über die Geschichte New Towns herauskommt. Ich hab das gekürzt, weil die wichtigsten Elemente davon ohnehin in irgendeiner Form schon in der Handlung untergebracht waren, und auf eine bessere Weise. Aber für den, den es interessiert, hier bitte schön:

.

In erster Linie ist New Town nämlich eine Kolonie der Gelehrten und des Militärs. Vor siebzig Zyklen stellte ein meteorologisches Forschungsinstitut fest, dass in einem bestimmten Abschnitt des Großen Südozeans regelmäßige atmosphärische Energien wie aus dem Nichts auftraten und Stürme entstanden, die sich nicht verhielten wie normale Stürme. Sie bewegten sich wie Kreisel spiralförmig in einem eng begrenzten, aber völlig zufällig wirkenden Gebiet, bevor sie sich auflösten. Doch sie verschwanden nicht einfach nur. Sie hinterließen auch etwas, eine Schwingung in den Luftpartikeln, die äußerlich keine besonderen Auswirkungen zu haben schien, die Faszination der Wissensschaffenden aber trotzdem, oder gerade deswegen, auf sich zog. Da der Ort dieser Beobachtung aber äußerst abgelegen und eine kontinuierliche Beobachtung vor Ort zugleich von großer Wichtigkeit war, ließ der Großvater des jetzigen Kaisers auf Anraten seiner Vertrauten eine große künstliche Insel konstruieren, die einer Bevölkerung von mehreren Zehntausend Platz zum Leben bot. Diese Zahl war großzügig bemessen, denn die Zahl der hauptsächlich notwendigen Wissensschaffenden, Techniker und ihrer Familien würde kaum ins Vierstellige gehen. Trotzdem wuchs die Zahl derer, die auf New Town ihr Leben verbringen wollten, immer schneller. Denn auch aus einem anderen Grund erwies sich der viele Platz als eine weise Vorentscheidung: Der Territorialstreit des Imperiums mit dem im Westen gelegenen Sklidenreich machte die Anwesenheit einer ganzen Menge von Soldaten erforderlich.
Bei den Zivilisten, die aus dem einen oder anderen Grund die Belohnung verdient hatten, Kultur und Zivilisation an diesen einsamen Flecken im Meer zu bringen, handelte es sich vor allem um wohlhabende Bürger und verdiente Beamte. Ihnen wurde es gestattet, weit fort von der verpesteten Ödnis der Kontinente ein neues Leben zu beginnen. Für sie bedeutete die Kolonie der Technik und der Schönheit einen Neuanfang, den sie wachsam verteidigten. Nachdem New Town sich solcherweise als ein Erfolg und ein gutes Anreizmittel für die Treue der imperialen Untertanen erwiesen hatte, gründete der Kaiser weitere Inselkolonien, wobei keine von ihnen so weit westlich lag wie New Town. Eine schier endlose Weite wüsten, öden Meeres trennte die Kolonie von ihrer Heimat