Eigentlich mag ich Thriller nicht. Ich finde die meisten von ihnen schematisch und oberflächlich. Todverlässlich geht es fast immer um einen frustrierten, vom Leben auf irgendeine Art gezeichneten Ermittler oder eine Ermittlerin, der/die nur noch irgendwie für den Job lebt, bis sich irgendetwas Schreckliches ereignet, in das er/sie dann widerwillig hineingezogen wird. Oft hat es dann auch noch etwas mit ihm/ihr persönlich zu tun, sodass die Pflicht plötzlich zu einer persönlichen Angelegenheit wird.

Wie man diese Bücher eines nach dem anderen verschlingen kann, was viele Leute tun, hab ich nie verstanden. Ich hab einmal einen Alex Cross-Roman von James Patterson versucht und schon die 2-3 Seiten langen Kapitel haben mich abgeschreckt. So trocken. So beschreibungsarm. So sparsam mit Sprache. Kann das wirklich jemanden reizen?

Dann bin ich auf das neueste Buch von Sebastian Fitzek gestoßen.

“Passagier 23” baut seinen Plot auf der Tatsache auf, dass jährlich Dutzende Menschen auf diesen Schiffen verschwinden. Auf hoher See gibt es keine Rechtsprechung, keine Polizei, nur tausende Menschen, die anonym Wand an Wand leben und miteinander auskommen müssen. Offenbar das ideale Setting für ein Psychodrama.

Der verdeckte Ermittler Martin Schwartz – eine der erwähnten psychisch zerrütteten Gestalten – hat vor Jahren Frau und Sohn auf einer Kreuzfahrt verloren. Es sieht so aus, als hätte seine Frau erst ihren Sohn betäubt und über die Reling geworfen und sei dann hinterhergesprungen. Eine schaurige, schreckliche Vorstellung. Seither hat Schwarz nur noch ein geisterhaftes Leben geführt, in dem ihm völlig egal ist, was physisch mit ihm passiert, weswegen er die extremsten Einsätze auf sich nimmt.

Eines Tages nun ruft ihn eine alte Frau auf seiner Geheimnummer an, die behauptet, sie habe Beweise, dass seine Frau sich nicht freiwillig das Leben genommen habe. Sie sitzt in einer Suite auf demselben Schiff, auf dem die Tragödie sich zugetragen hat, der Sultan of the Seas. Schwartz, der in dieser einen Sache nicht so gleichgültig ist wie gegenüber dem Rest seines Lebens, es nie sein wird, springt sofort an und kommt zu ihr auf das Schiff. Damit kommt die ganze Partie ins Rollen. Denn eine der angeblich durch Selbstmord vom Schiff verschwundenen Personen, ein Passagier 23, ist wieder aufgetaucht. Und der Bootsleitung passt das gar nicht.

Trotz meiner Vorbehalte und Ansichten gegenüber Thrillern war ich ungefähr ab Seite fünfzig so gefesselt, dass ich das 400-Seiten-Buch in wenigen Tagen fast inhaliert habe.
Warum? Was macht Fitziek anders bzw. besser?

Zunächst einmal ist das Setting äußerst interessant. Ein riesiges Schiff auf hoher See, das tausende Menschen beherbergt und wie eine kleine Stadt auf dem Ozean ist. Eine kleine Stadt ohne Rechtsprechung und Gesetzeshüter. Eine Stadt, die aus einem Labyrinth von Gängen, Aufzügen, geheimen Räumen, Decks und Wartungsarealen besteht, die sich wie in einem Schweizer Käse unsichtbar neben dem Publikumsareal durch die Wände ziehen. Das hat etwas Faszinierendes und Bedrohliches.
Neben den äußeren Beschreibungen sind es auch die wirtschaftlich-politischen Hintergründe der Kreuzfahrtindustrie, die Fitzek gekonnt immer wieder einstreut und einem das Gefühl gibt, es geht um mehr als nur

Zweitens ist Fitzeks Sprache besser als die seiner Kollegen, die ich gelesen habe – wobei ich hier gestehen muss, es waren nicht sehr viele. Seine Kapitel variieren zwischen sehr kurz und anständig lang, sodass man tatsächlich das Gefühl hat, auch ein Buch zu lesen, und nicht nur eine Anreihung von Szenen mit Pointen.
Und obwohl die Charaktere und ihre Probleme nicht gerade überraschend oder besonders originell sind, sind sie doch auf eine Weise geschildert und in Szene gesetzt, die den Leser mit ihnen mitfiebern lässt.
Erzähltechnisch benutzt Fitzek die PoV-Struktur, hat also mehrere Figuren, durch deren Augen er die verschiedenen Handlungsfäden verfolgt, die sich scheinbar unabhängig voneinander entwickeln, bis sie am Ende auf unvermutete Weise zusammenlaufen. Und die Brüche der einzelnen Kapitel sind derartig gut, also spannungssteigernd gesetzt, dass dadurch ein richtiggehender Sog erzeugt wird, der einen durch das Buch saugt.

Drittens, das Grauen. Fast fühlt man sich ein wenig an Stephen King erinnert, denn das Grauen bei Fitzek ist nicht auf rein physische Quälerei und Folterporno beschränkt, vor dem ich mich anfangs ein wenig gefürchtet hatte, sondern es geht wirklich in das Psychische hinein, das alles Körperliche bedingt und übersteigt. Die Ängste und Schmerzen einer verliebten Pubertierenden. Die nie endende Fassungslosigkeit eines Ehemanns, dessen Frau sich und das gemeinsame Kind umgebracht hat. Die geistige Zerrrüttung von Kindern, die dem Wahnsinn Erwachsener schutzlos ausgeliefert sind. Es sind Tiefen der menschlichen Natur, die Fitzek beschreibt, Tiefen, die immer da sein werden, trotz aller Modernisierung, was sie umso unheimlicher macht.

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Bottom Line: Spannend, gut geschrieben, relevant. Sebastian Fitzek hat das Thriller-Genre vor meiner Verdammung gerettet. Jetzt kommt es ganz auf das nächste Buch darin an, ob es bei dem Urteil bleibt. Wenn jemand eine Empfehlung hat, bitte her damit, als e-Mail oder auf Facebook.

Kauft es hier oder hier.

PS: Was mich vor Seite 50 dazu animiert hat, weiterzulesen, war folgende Passage in Kapitel 3:

Naomi liebte Thriller. Je blutrünstiger, desto besser. […] Manchmal war sie sich nicht sicher, wer die größere Macke hatte: der Autor, der sich diesen kranken Mist ausdachte, oder sie, die sogar Geld dafür bezahlte, um es sich mit Axtmördern und Psychopathen am Pool gemütlich machen zu können, in Reichweite der knackigen Kellner, die sie zwischen den Kapiteln je nach Tageszeit mit Kaffee, Softdrinks oder Cocktails versorgten.

Es geht doch nichts über eine gesunde Portion Selbstironie, um einen  Autor sympathisch zu machen!

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