Stefan Zweig gilt als der Europäer unter den Wiener Autoren der Jahrhundertwende. Er war schon zu seinen eigenen Lebenszeiten enorm erfolgreich und wird heute als Literat von Weltrang gesehen.

Ich habe nie genau verstanden, worin sich sein Ruhm eigentlich begründet, aus dem einfach Grund, dass ich zu wenig von ihm wusste. Es ist immer gefährlich, von einem Autor nur ein ungefähres Bild zu haben. Man gibt sich mit der verschwommenen Regenglaskontur zufrieden, die einem aufgeschnappte Happen in Literaturgeschichten, Zitate bei anderen Autoren und das beiläufige Verfolgen der kulturellen Unterhaltung verschaffen, weil man damit gut genug durchkommt, aber sobald man dann einen informierten Blogpost schreiben will, stößt man schnell an seine Grenzen.

Wer ist Stefan Zweig? Ist er seine Gedichte? Seine Übersetzungen? Seine Biografien (wie ich lange dachte)? Sein Roman? Seine Autobiografie? Ist Stefan Zweig der begeisterte Weltkriegsbejaher von 1914 oder ist er der zweifelnde Pazifist, der während des Zweiten Weltkriegs in der Welt von Gestern einer verlorenen Vergangenheit nachtrauert, um sich danach, verzweifelt über die Welt, das Leben zu nehmen?

Klarstellung: Obwohl ich nun einen Zweig-Sammelband aus dem Fischer Verlag mit den meisten seiner Novellen und nebenbei die Zweig-Biografie von Josef Strelka gelesen habe, fühle ich mich nach wie vor zu unqualifiziert, um sicher über den Autor zu schreiben, aber eben durch die Lektüre fühle ich auch den starken Wunsch, einfach zu beginnen, mich durch das Gespräch mit mir selbst und euch dem „freien Geist der Menschlichkeit“ (Strelka) anzunähern. In zukünftigen Betrachtungen von anderen Texten Zweigs wird sein Bild sich dann hoffentlich verfeinern und weiter differenzieren, bis es irgendwann so vollständig ist, wie es nur sein kann, sofern man jemals einen Begriff wie Vollständigkeit im Zusammenhang mit einem Menschen verwenden darf.

Das Buch, über das ich hier sprechen werde, trägt den plakativen Titel Meisternovellen und ist – überraschend – eine Sammlung von Novellen und Erzählungen Zweigs, die in dieser Zusammenstellung zu Lebzeiten des Autors nicht erschienen ist.

Die enthaltenen Texte sind:

Brennendes Geheimnis
Der Amokläufer
Brief einer Unbekannten
Die Frau und die Landschaft
Verwirrung der Gefühle – Private Aufzeichnungen des Geheimrates R.v.D.
Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau
Episode am Genfer See
Die unsichtbare Sammlung – Eine Episode aus der deutschen Inflation
Schachnovelle

Das ist eine sehr anständige Liste von Prosatexten, die teils über hundert Seiten erreichen, aber es ist wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass wir damit nur eine schmale Schnitte aus dem umfassenden Textkorpus Zweigs vor uns haben, ja noch nicht einmal alle seiner Novellen! Die Novellen Angst und Leporello fehlen hier aus irgendeinem Grund; möglicherweise weil sie zu umfangreich sind.

Die Novellen, von denen viele während der Zwanziger-Jahre entstanden sind, haben im Werk Stefan Zweigs zwei wichtige Funktionen. Sie sind einerseits die hauptsächliche Manifestation von Zweigs konventioneller literarischer Arbeit, das heißt, dem Schreiben von pur fiktionalen, narrativen Texten. Die Novelle ist Zweigs dominante Gattung in diesem Feld, und ihre Verbreitung unter den Texten lässt seinen einzigen Roman einsam dastehen. Zweitens stellen die Novellen ein Biotop dar, in dem sich Zweigs wichtigste Eigenschaften und Interessen als Schriftsteller beobachten lassen.

Noch etwas zum Begriff “Novelle”: Obwohl ich etwas gegen den Gattungsbegriff habe, ist er für die Texte hier doch ziemlich angemessen. In einer Novelle liegt der Angelpunkt der Handlung in einem außergewöhnlichen Ereignis, das die tägliche Routine eines Umfelds durchbricht. Gewöhnliche Abläufe werden durcheinandergebracht, das Fließband des täglichen Betriebs reißt und die handelnden Figuren müssen auf dieses Störerlebnis auf außergewöhnliche Weise reagieren. Das Ende der Handlung kann höchst unterschiedlich sein, aber oft spielt darin eine pointierte Wendung eine Rolle.

Zweigs Novellen sind an Pointen und überraschenden Wendungen nicht arm. Das außergewöhnliche Ereignis in ihnen ist aber weniger punktuell und extern, als andauernd und intern. Etwas verändert sich in den Figuren, ein Stein löst sich aus der Felswand ihrer Seelen und löst eine Lawine aus, deren Konsequenzen den weiteren Verlauf der Handlung bestimmen.

Genug der Einführung. Begeben wir uns jetzt also zu den Texten. 

Die erste Novellenerzählung klingt wie ein Groschenroman für Hausfrauen am Strand, und Sexualität spielt in Brennendes Geheimnis auch tatsächlich eine zentrale Rolle. Allerdings tut sie das auf unendlich subtilere, unendlich tiefere, unendlich ergreifendere Art als in den IKEA-Versionen eines Romans, die heute unsere Bahnhofskioske zieren.

Zu Beginn folgen wir einem jungen Geck, der gerade mit dem Zug in einem Hotel auf dem Semmering ankommt, wo sich die Städter ihren Müßiggang mit frischer Luft, Spaziergängen und Fiakerfahrten betreiben. Er ist gelangweilt und hofft, sich die Zeit auf die ihm angenehmste Weise totzuschlagen: durch die Eroberung einer Frau, wie man das damals noch genannt hat. Ja, der vermeintliche Held, dem unsere Sympathie gilt, ist in Wirklichkeit ein oberflächlicher Dandy und Player.

Aber ist er auch wirklich der Protagonist? Schon nach ein paar Seiten macht die Geschichte eine Kehrtwendung, als der ungeduldige Jäger im Speisesaal des Hotels einen Tisch erkennt, an dem eine Frau mit ihrem etwa zwölfjährigen Sohn sitzt. Sofort fällt sein Auge auf die elegante Dame mittleren Alters: Das ist sie, sein Preis, sein Wild.

Mehr aus Zufall, eben weil es sich gerade so ergibt, beginnt der junge Mann ein Gespräch mit dem Knaben, als er ihn eines Morgens allein vor dem Hotel antrifft. Er bekommt die Idee, dass er in als die via regia zur Gunst der Frau benutzen kann. Denn die Dame, deren heimliches Verlangen nach etwas Abenteuerlichem er intuitiv spürt, gibt ihm keine Gelegenheit, sie anzusprechen, und wehrt seine Blicke ab. Aber wird sie sich auch der begeisterten Fürsprache ihres Sohns verweigern können?

Ungefähr hier findet der Umschwung in der Perspektive statt. Wir befinden uns jetzt im Kopf des jungen Edgar, der stolz und freudig das Interesse des Älteren an ihm annimmt und ihn bald mit dem Feuer eines Jungen verehrt, der noch zu wenig von den Erwachsenen gesehen hat, um ihnen zu misstrauen. Das wird sich bald ändern.

Das Großartige an dieser Novelle , Zweigs Kunst psychologischen Erzählens, offenbart sich in dem langsamen Prozess des Erkennens und Umdenkens Edgars, während er versucht, die Motive der beiden Erwachsenen, die mit ihm ein “Terzett” bilden, zu durchschauen.

Edgar steht auf der Schwelle. Er hat noch keinen Begriff, wichtiger: kein Gefühl für Sexualität, er kann sie nicht begreifen, weil er sie nicht sieht. Alles, was er sieht, ist ein Mann, der aus irgendeinem Grund Interesse an ihm heuchelt, in Wirklichkeit aber etwas von seiner Mutter will. Aber was? Was bloß? Diese Frage sowie die Verletzung, von seinem vorgeblichen Freund ausgenutzt worden zu sein, lastet schwer auf ihm und bald verfinstert sich sein ganzes Gemüt. Er merkt, dass die beiden nach Gelegenheiten suchen, ohne ihn zu sein, aber er wird den Teufel tun und sie lassen! Wohin immer sie ihre Schritte auch wenden, er hängt an ihnen. Was immer für Ausflüchte sie sich ausdenken, ihm fällt ein unwiderlegbares Gegenargument ein.

Von hier an wird die Geschichte ein halb amüsantes, halb bedrückendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem trotzigen, verletzten Kind und den Erwachsenen, die sein Urvertrauen zerstört haben. Es gipfelt in einem dramatischen Höhepunkt, doch am Ende relativiert sich alles und die Dinge nehmen noch einmal eine Wendung zum Guten. Allerdings hat sich etwas für immer verändert. Der Junge hat am Ende zwar noch immer nicht die Sexualität begriffen, aber er hat „eine erste Ahnung der Vielfältigkeit des Lebens“ erhalten und ist dem größten Geheimnis einen Schritt näher gekommen, das Erwachsene sich so seltsam verhalten lässt. Und doch hat er es für den Moment nicht mehr eilig, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Der Text ist zur Eröffnung der Sammlung hervorragend geeignet, denn er wirft den Leser sofort in einen inneren Gefühlssturm, der ihn kaum atmen lässt und das Talent des Autors für die Nachbildung von inneren Welten und Wahrnehmungshorizonten beeindruckend zur Schau stellt. Keine einzige Figur ist da, in die der Leser sich nicht einfühlen könnte. Selbst die Perspektive des Playboys wird erfahrbar gemacht, wenn auch kaum jemand für diesen Charakter Sympathie empfinden dürfte.

Der größte Erfolg des Textes liegt für mich aber darin, dass erwachsene Leser über Edgars Verwirrung und die naiven Schlüsse, die er zieht, zwar lächeln können, aber zugleich auch begreifen, und mitfühlen, wie ernst und wahrhaftig das Gefühlschaos ist, in das er gestürzt wird. Das Wunder und der Schmerz des Kindseins werden gleichermaßen spürbar.

Anmerkung des Bloggers: ich werde die anderen Texte in separaten Posts kommentieren, da allein dieser Eintrag schon länger geworden ist, als es für die Form gut ist.