Der Amokläufer ist eine Erzählung, nach der ein ganzer Band von Novellen aus dem Jahr 1922 benannt wurde. Ich halte sie für den schwächsten Text der vorliegenden Ausgabe, weil Zweig hier seine Stärke überspielt. Zu abrupt und zu extrem sind für mich als Leser die Schwankungen, die der Held hier erlebt. Die Erklärungen, die der Erzähler für sie anbietet, sind für mich nicht nachvollziehbar genug, sodass ich zu Beginn schon aus dem Sattel der Geschichte geworfen werde und ihr nur noch lustlos bis ans Ziel nachschlurfen kann.

Die Novelle verwendet die bei Zweig häufig genutzte Struktur der Rahmenhandlung. Ein Passagier auf einem Ozeandampfer trifft eines Nachts auf dem Deck, in der völligen Finsternis unter dem Sternenhimmel, einen anderen Passagier, der dort Nacht für Nacht sitzt und trinkt. Dieser andere Mann entpuppt sich als ein deutscher Arzt auf der Rückkehr aus den holländischen Kolonien in Indien, in denen er sieben Jahre verbracht hat. Er sei dort aufgrund einer „Weibergeschichte“ gewesen, die dazu geführt habe, dass er das Land verlassen müsse. Als er hörte, dass die niederländische Regierung nach Ärzten für ihre Kolonien suchte, verpflichtete er sich und landete in einem kleinen Außenposten mitten im Nirgendwo. Anfangs verrichtete er seine Pflicht dienstbeflissen und korrekt, doch als die Jahre vergingen, ohne dass er Kontakt mit ihm ebenbürtigen Zeitgenossen seiner eigenen Kultur hatte, wurde er nach seiner Beschreibung von einer Art Fieber befallen, einer Art kulturellen Heimwehs, das ihn mehr und mehr für seine Umgebung abstumpfen ließ. Zwei Jahre, bevor sein Vertrag auslief und er zurückkehren können würde, bekam er Besuch von einer hochgestellten britischen Dame, die von ihm Hilfe bei einem delikaten Eingriff verlangte, wofür sie ihn im Gegenzug fürstlich bezahlen wollte. Beinahe sofort überfiel den Arzt eine Art Rausch, in dem er die Frau, die in hochmütiger, indirekter Weise diesen Dienst von ihm verlangte, als eine Opponentin sah, eine ihn verhöhnende Kreatur.

An exakt dieser Stelle verliert mich Zweig. Gut, das Tropenfieber, der Europaentzug, die Frau, alleine in seiner Hütte, die ihn auch noch von oben herab anspricht, das sind alles Erklärungen – und Menschen sind ja auch schon über weniger in irre Zustände geraten –, aber trotzdem: Für mich hat die Geschichte in diesem Moment des emotionalen Umbruchs, den ich in meiner Vorstellung einfach nicht zufriedenstellend nachempfinden kann, zu sehr an Glaubwürdigkeit verloren. In den Worten Tolkiens über die Gefahren der sekundären Welt der Fiktion: „The moment disbelief arises, the spell is broken; the magic, or rather art, has failed.“ Genau das stelle ich über mein eigenes Leseverhalten von hier an bis zum Ende der Novelle fest.

Der Arzt, in seiner Rage, seinem Amok, verweigerte der Frau zuerst  ihres Stolzes wegen seine Hilfe  und ließ dann aber im nächsten Atemzug durchsickern, dass er für gewisse Gefälligkeiten ihrerseits ihr diesen Gefallen tun könnte, denn er spürte in sich den Drang,  wie er dem Protagonisten der Rahmenhandlung berichtet, ihren Stolz zu brechen. Die Frau verließ ihn daraufhin, um in die Stadt zurückzukehren.

An dieser Stelle überkam den Arzt ein erneuter Gemütsumschwung. Nachdem er für Minuten in Erstarrung gestanden hatte, sprang er plötzlich in Bewegung und raste der Frau ohne Gedanken an seine Pflichten in die Stadt nach. Dort konnte er sie aber nicht mehr erreichen. Sie hielt sich von ihm, dem Rasenden, fern, ohne ahnen zu können, dass er ihr jetzt nur noch helfen wollte. Als es ihm irgendwann endlich gelang, ihr einen Brief zukommen zu lassen, erhielt er nur noch die Antwort. „Zu spät.“ Kurz darauf kam ihr Diener zu ihm  und führte ihn zu ihr. Sie befand sich in einer schäbigen Hütte im Stadtteil der indigenen Bevölkerung, wo sie sich einen amateurhaften, unsterilen Eingriff machen lassen hatte und lag in der Folge nun im Sterben. Nur noch einen letzten Wunsch hatte sie an den Arzt: dass ihr Mann nichts von ihrer Untreue erführe.

Damit endet die Geschichte des Arztes, der noch mitteilt, dass der Sarg der Frau, zusammen mit ihrem endlich angekommenen Gatten, sich an Bord des Schiffes befinde, weshalb der Arzt sich nur nachts an Deck wage. Er sei entschlossen, ihr ihren letzten Wunsch bis zum Letzten zu erfüllen. Zum Schluss erfährt der Leser durch eine Zeitungsnachricht, dass er dieses Vorhaben wahrgemacht hat: Als der Sarg der Frau vom Schiff gelassen wurde, stürzte sich eine Gestalt von der Reling und riss den Sarg mit sich ins Hafenwasser. Wenig später wurde die Leiche eines Herrn ans Ufer gespült.

Wie schon oben gesagt, für mich verliert diese Geschichte im Vergleich zu den anderen durch die zu blitzartigen Gefühlssprünge des Arztes an Reiz. Überall sonst bereitet Zweig den Boden für die Gefühlsräusche seiner Figuren durch Kontext, nur hier begnügt er sich mit ein paar wagen Angaben, die für mich einfach nicht zufriedenstellend sind. Vielleicht ist das eine naive Annahme. Schließlich folgt Zweig Freud und Freud hat uns gelehrt, dass das vorgeblich rationale Verhalten der Menschen auf einem sumpfigen Grund des Irrationalen wankt. Mein Urteil hier erfolgt aber nicht als Psychologe, sondern als Leser einer Geschichte. Und als solcher hat mich einfach in diesem Einzelfall unbefriedigt zurückgelassen.

Aber was soll’s, kleine Abweichungen und Fehlschläge machen das Bild des Schriftstellers Zweig, jedes Schriftstellers nur menschlicher. Lest die Geschichte auf jeden Fall. Wahrscheinlich urteilt ihr ganz anders als ich.