Brief einer Unbekannten ist ein interessanter Fall. Dieser Text ist meiner Meinung nach die beste Munition für denjenigen, der Zweig Kitsch und Schwülstigkeit unterstellen möchte. Eine solche Kritik aber würde nach unseren heutigen ästhetischen Maßstäben urteilen und sich somit disqualifizieren. Dass heutige Leser Zweigs Pathos als die Sprache einer literarischen Telenovella wahrnehmen können, liegt eben daran, dass diese Formate sich an der stärkeren Gefühlssprache orientieren, die seit der Zeit der Empfindsamkeit im achtzehnten Jahrhundert die Grundvektoren des Erzählens verändert hat. Sie ist im Falle Zweigs, des großen Empathen und Mit-Leiders, einfach sein natürliches Ausdrucksvehikel.

Ein arrivierter Schriftsteller und Ladykiller erhält einen Brief an seinen Schreibtisch, der von einer Unbekannten stammt. Darin beschreibt sie, wie sie ihn seit ihrer Kindheit, als er in ihrem Mietshaus eingezogen ist, abgöttisch verehrt hat. Im Laufe der Jahre sind sie sich wiederholt begegnet, ohne dass er sie jemals wiedererkannt hätte. Es ist sogar zu Liebesnächten gekommen, in deren Verlauf ein Sohn gezeugt wurde. Dieser begabte, aufblühende Sohn ist nun gestorben und die Frau steht vor dem Nichts. Sie hat vor, sich das Leben zu nehmen, will aber zuerst nur einmal wenigstens zu dem fremden Geliebten aus ihrem Herzen sprechen. Sie hat ihm Jahr für Jahr weiße Nelken zu seinem Geburtstag geschickt und ihr einziger Wunsch an ihn ist, dass er sie weiterhin aufstellen möge, damit etwas von ihr bei ihm bleibe.

Hier wirft Zweig den Blick auf einen Menschen, der sich gleichzeitig in einseitiger Leidenschaft verzehrt und dabei doch äußerlich beherrscht. Das stille Mädchen, das für den Erwählten glüht, ohne dass der es je beachtet, ist zwar mittlerweile auch ein ausgetretenes Sitcom-Klischee, aber wieder einmal müssen wir der Vergangenheit ihr Vorrecht lassen.

Manche werden jetzt eine abwerfende Handbewegung machen und den Plot als Kitsch abtun. Ich habe festgestellt, dass die Grenze zum Kitsch je nach Person so unterschiedlich gelagert ist, dass es fast unmöglich ist, sie zu verorten. Den einen berührt Enrique Iglesias, dem anderen treibt er das Mittagessen hoch, so ist das eben. Es hat auch zu Zweigs Zeiten und davor viel „Kitsch“ gegeben, und diese Unterscheidung hat wohl auch damals schon bestanden. Aber ich denke, dass der Hauptunterschied zwischen Kitsch und Nicht-Kitsch der Tiefgang der Gefühle ist und die Ehrlichkeit des Untersuchungsinteresses des Autors. Beides ist bei Zweig im Überschwang vorhanden.

Mich hat Brief einer Unbekannten stark an die Geschichten eines Victor Hugo oder Charles Dickens erinnert. Die schicksalhaften Verflechtungen und dramatischen Begegnungen (oder Gerade-Nicht-Begegnungen) der Akteure in ihnen sind auch in dieser Novelle Zweigs deutlich spürbar.

Heute würde der Literaturbetrieb vermutlich die Nase über einen Text rümpfen, in dem eine Frau so anbetungsvoll zu seinem Mann spricht wie in dem Brief, aber meine Güte, Gefühle hat, wer sie hat, und schon der übernächste Text in der Sammlung bringt die Waage ja wieder in Ausgleich.