Die Frau und die Landschaft heißt die nächste Geschichte, die von subtiler, knisternder Erotik durchwoben ist. Kaum je wird diese Erotik wirklich vordergründig, aber durch die Techniken von Metapher und Parallelisierung atmet sie der Leser in jedem Satz ein. Der Titel klingt schon wie ein Gemälde und die Novelle selbst ist eigentlich nichts anders – ein Gemälde, eine Momentaufnahme. Die Handlung, die in einem Tiroler Hochtal zur Zeit einer langen, schwülen Hitzeperiode spielt, umfasst nicht mehr als einen Tag und eine Nacht.

In einer Pension warten die Leute ermattet darauf, dass die andauernde schwüle Hitze des Sommers endlich bricht und es regnet. Die Unruhe und träge Anspannung der Menschen spiegelt sich in der Natur. Hier müsste ich seitenweise zitieren, um der Sprachgewalt gerecht zu werden, mit der Zweig das Warten, Hoffen, Zurückziehen und Enttäuschtwerden der Landschaft beschreibt, wenn Wolken sich zusammenballen und verdüstern, nur um ein paar schwache, heiße Tropfen auf die dürstende Erde zu werfen und danach wieder zu verfliegen. Vorspiel, Reiz, Lockung, herausfordernder Entzug – Uranos spielt mit Gaia, die ihn sehnsuchtsvoll erwartet.

Die knisternde Spannung zwischen Himmel und Erde schlägt sich auch in der Verfassung des Ich-Erzählers nieder, der die Erwartung und Spannung der Erde teilt. Zufällig entdeckt er ein junges Mädchen, dem es als einziger auch zu gehen scheint wie ihm. Wie in einer Trance wirkt sie, wie von Schauern und Ahnungen überwältigt, die zu viel sind für ihre Zerbrechlichkeit. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt (natürlich) in der Nacht, die schwül und drückend über den Köpfen brütet. Hier muss ich jetzt Text geben, die Passage ist einfach zu gut:

Wie ein Polyp, ein weiches, glattes, saugendes Wesen umdrängte mich jetzt, berührte mich mit tausend Lippen die Nacht. Ich lag und fühlte mich nachgeben, hingeben an irgend etwas, das mich umfaßte, umschmiegte, umringte, das mein Blut trank, und zum erstenmal empfand ich in dieser schwülen Umfassung sinnlich wie eine Frau, die sich auflöst in der sanften Ekstase der Hingebung. Ein süßes Grauen war es mir, mit einem Male widerstandslos zu sein und ganz meinen Leib nur der Welt hinzugeben, wunderbar war es, wie dies Unsichtbare meine Haut zärtlich anrührte und allmählich unter sie drang, mir die Gelenke lockerer löste, und ich wehrte mich nicht gegen dieses Laßwerden der Sinne.

Zu schade, wirklich, dass man so heute nicht mehr schreiben kann.

Jedenfalls – ganz dem düsteren Traumhaften, Wahnhaften entsprechend, erwartet ihn das Mädchen in seinem Zimmer, als er mitten in der Nacht dorthin zurückkehrt. Sie scheint nicht im Besitz ihrer geistigen Kräfte zu sein, vielmehr nun ganz den Kräften ausgeliefert, die die Natur im Atem halten.

Ein kurzer, aber heftiger, sanfter, wilder, besessener erotischer Kontakt folgt, dessen Intensität E.L. James nicht in hundert Jahren erreichen könnte – und dann bricht endlich die Sintflut herein. Wasser, kühles, klärendes Wasser stürzt und strömt vom Himmel und die brütende Wärme ist mit einem Wusch davongespült. Klarheit kehrt zurück. Das Mädchen, das nach ihrer leidenschaftlichen Umarmung eingeschlafen ist, erwacht nun und kennt den Liebhaber nicht wieder.

Ein wie Freudʼscher Autor Zweig ist, wird in diesem Text eindrucksvoll klar. Erstmals externalisiert er die Kräfte, die sonst im Inneren seiner Figuren am Werk sind, und zeigt sie metaphorisch am Himmel. Das Toben des Sturms spiegelt das Toben der Seele.

Handwerklich hat mich an dem Text am meisten die Beschreibung eines fast ausbrechenden Gewitters beeindruckt.