Verwirrung der Gefühle wird von vielen Leuten oft als Schlüsseltext gelesen, der angeblich Hinweise auf Zweigs (geheime? unterdrückte?) Sexualität gebe.

Im Beschreibungstext eines kürzlich erschienenen „Enthüllungsbuchs“, das einmal mehr der Sexualitätsfrage bei Zweig nachgeht, heißt es: War der Verfasser der Novelle „Verwirrung der Gefühle“ in Wahrheit ein verklemmter Homosexueller, und was war das „brennende“ Geheimnis seines Lebens? Die Verwendung der Titel der Novellen als Stütze für Theorien über ihren Autor ist mehr als fragwürdige Praxis, aber der Fairness halber muss ich zugestehen, dass ich nicht weiß, ob das nicht nur plakativ vom Verlagsvertrieb draufgeklatscht wurde und der Autor im Text differenzierter vorgeht.

Jedenfalls ist es nicht verwunderlich, dass Verwirrung der Gefühle auf diese Weise gelesen wird, denn es geht in der Novelle um einen homosexuellen alten Professor, dessen abweisendes Verhalten gegenüber seinem hingegebenen Studenten für denselben ein unerklärliches Rätsel ist. Geschrieben als die Erinnerungen dieses Studenten im Alter, erzählt die Novelle – eine von Zweigs längsten, wenn nicht die längste – von den holprigen Anfängen seines Bildungswegs, die sich erst zu einer glatten, zielstrebigen Bahn hinentwickeln, als dieser Professor sich seiner annimmt. Der Hauptteil des Textes konzentriert sich dann auf das Hin und Her, das Anziehen und Wegstoßen seines Schülers durch den Professor, das für den jungen Mann, der ihn unendlich bewundert, unverständlich und verletzend ist. Schließlich wird das Geheimnis zu einer solchen Belastung für die beiden, dass es nicht mehr Geheimnis bleiben kann.

Ich habe den Verdacht, genau zu wissen, welche Passage den Zweig-Lebensforschern als Hinweis auf seine persönlichen Neigungen dienen könnte. Zweig lässt den Professor in der letzten Aussprache sein Leben nacherzählen und zeichnet dabei ein schonungsloses Bild vom Leben eines Homosexuellen in einer Gesellschaft, die Sexualität allgemein leugnet und mit abweichenden Trieben schon gar nicht umgehen kann. Es ist tatsächlich verführerisch, in diesem Intellektuellen, der sich in verrufene Viertel und in die Gesellschaft zwielichtiger Figuren gedrängt sieht, Zweig zu erkennen.
Der Haken: Zweig ist hier nicht einfühlsamer als in seinen anderen Lebensbeschreibungen. Die Spürhunde seiner geheimen Sexualität geben vor, unterscheiden zu können zwischen einer Empathie aus der Ferne und einer Empathie, die im eigenen Wesen wurzelt. Eine äußerst … selbstbewusste Haltung.