In Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau haben wir es wieder mit einer Rahmenerzählungsstruktur zu tun. Wieder einmal befinden wir uns in dem kleinen menschlichen Biotop einer Pension. Der gutbürgerliche Kosmos wird erschüttert, als die Frau eines Fabrikanten von einem Tag auf den anderen mit einem Franzosen davonläuft, den sie dort kennengelernt hat. Der Erzähler gerät mit den anderen Gästen in Streit, als er sich weigert, die Frau zu verdammen, und stattdessen Verständnis für ihr Verhalten zeigt. Diese Haltung bewirkt, dass sich ihm eine ältere Dame öffnet und die Geschichte erzählt, wie sie vor Jahrzehnten einmal beinahe mit einem jungen Mann über alle Berge gegangen wäre. Es handelte sich um einen Spielsüchtigen, dem sie, nachdem sie Zeuge seiner Niederlage am Roulettetisch geworden war, ins Freie verfolgte, weil sie sicher war, dass er sich etwas antun würde. Im strömenden Regen hievte sie ihn von einer Parkbank und führte ihn in ein Hotel. Der Mann hielt sie für eine Prostituierte und forderte sie auf, mit auf sein Zimmer zu kommen. Sie tat es. „Denn in jener Nacht rang ich mit einem Menschen um sein Leben.“
Nach dieser Nacht schienen sich die Wolken aufgeklärt zu haben. Die Frau verbrachte mit dem plötzlich wieder Hoffenden den Tag und während einer Spazierfahrt gestand er ihr seine Spielsucht. Daraufhin ging sie mit ihm in eine Kirche, wo sie ihn dazu brachte, dem Spiel abzuschwören. Alles schien gut ausgegangen zu sein. Sie hatte ihm Geld für die Zugfahrt nach Hause gegeben und bevor sie auseinandergingen, vereinbarten sie, dass sie sich zur Verabschiedung auf dem Bahnsteig treffen würden. Während sie getrennt waren, wurde die Frau von dem heißen Wunsch befallen, mit ihm zu gehen, wohin auch immer, nur um an seiner Seite zu sein. Sie schaffte es jedoch nicht, rechtzeitig zum Bahnhof zu kommen, und konnte nur noch zusehen, wie der Zug abfuhr. Als sie danach im Gefühl eines Verlusts noch einmal die Orte aufsuchte, an denen sie ihm nah gewesen war, besuchte sie auch wieder das Casino. Dort fand sie ihn wieder am Roulettetisch, wo er mit dem Geld spielte, das sie ihm zur Heimfahrt gegeben hatte.
Als sie ihn wütend konfrontierte, musste sie merken, dass er nicht mehr zu retten war. Er wehrte ihre Versuche, ihn vom Tisch zu entfernen, so heftig ab, dass sie es schließlich sein ließ. Sie verließ ihn also und kehrte zu ihrer Familie nach England zurück. Irgendwann später erfuhr sie, dass ihr Schützling sich doch noch das Leben genommen hatte.

Wie in Brief einer Unbekannten geht es auch hier um die Leidenschaft einer Frau, diesmal jedoch die einer Älteren für einen Jüngeren, die mit einer Art Lebensretter-Komplex verbunden ist. Während aber die Gefühle in Brief mehr mit Idealisierung und auch geistiger Hingabe zu tun haben, scheint hier die Unterwerfung auf einer impulsiveren, irrationaleren Ebene zu geschehen. Sexuelle Spannung und die Lust am Übertreten von Tabus mögen hier vielleicht nicht Zweigs Hauptabsichten gewesen sein, für mich sind sie aber stark in der Aura des Textes zu spüren.

Das Gespräch zwischen der mittlerweile alten Frau und dem Ich-Erzähler behandelt diesen Tag in ihrer Vergangenheit wie ein Kuriosum, das eine gewagte These unterstreichen soll, doch zugleich ist die Frau von der Erinnerung immer noch spürbar bewegt. Der Widerspruch zwischen Verstand und Instinkt tritt deutlich zutage. Sense and Sensibility wäre für diesen Zweig-Text wohl ebenfalls ein angemessener Titel.