Die letzten drei Novellen der Sammlung haben einen politischeren, konkret auf die Zeit bezogenen Hintergrund. Im Zentrum stehen hier weniger die Gefühlswelten der Protagonisten als die Umstände, die sie hervorgebracht haben.

Episode am Genfer See ist der erste dieser Texte. Mit ihm zieht erstmals der Strudel des Ersten Weltkriegs in die trotz allen innerlichen Aufruhrs beschaulich-bürgerliche Welt Zweigs ein.

Die Handlung kurz und knapp: Wir befinden uns in der Zeit des Ersten Weltkriegs. Ein nackter Mann wird von Fischern mitten auf dem Genfer See aufgelesen, als er versucht, diesen auf einer behelfsmäßigen Holzkonstruktion zu überqueren. Sie bringen ihn an Land, wo die Einwohner des Ortes Villeneuve mit dem wild wirkenden Bärtigen, der noch dazu keine Sprache spricht, die sie verstehen, nicht viel anfangen können (Anklänge an Odysseus bei den Phäaken sind nicht zufällig, sondern vom Text gewollt, wie konkrete Referenzen beweisen). Schnell ordnet man ihn als Deserteur ein, einen Flüchtigen von der Westfront. Aber was weiter mit ihm geschehen soll, wer die Verantwortung trägt, darüber können sich die braven Bürger nicht einigen. Eine feine Dame aus dem Hotel schenkt ihm etwas Konfekt, „das er mißtrauisch wie ein Affe“ liegen lässt. Auch pulverblitzende Photographien werden von ihm gemacht. Schließlich findet sich der Manager eines Gasthofs, der feststellt, dass der Mann Russisch spricht, und von ihm erfährt, dass er aus Russland nach Frankreich gekarrt worden sei und dort bei der Erstürmung eines Hügels einen Schuss ins Bein abbekommen habe, woraufhin er sich davongemacht habe in die Richtung seiner Heimat. Tapferkeit und Ehre sind keine Kategorien, die das Denken des einfachen Landmenschen, der daheim noch in archaischer Leibeigenschaft lebt, bestimmen. Er versteht nicht, wo er ist, nicht, wofür oder wogegen er kämpft. Er denkt nur an seine Frau und Kinder, die allein zuhause sind, ohne dass er sich um sie kümmert.

Der urtümliche, archaische Mensch, ein homerischer Mensch, inmitten der Zivilisation hat natürlich eine entlarvende Wirkung. Denn was für eine Zivilisation ist das, der die fotografierenden, konfektspeisenden Damen und Herren des Hotels angehören, die den Hilflosen jetzt wie eine Kuriosität begaffen? Was für eine Zivilisation lässt Millionen ihrer jungen Leute in Schlammgräben elend krepieren, um Linien auf Papier um ein paar Zentimeter versetzen zu können? Was für eine Zivilisation entreißt Väter ihren Familien und opfert sie für die Eroberung eines bedeutungslosen Stücks Lands?

Ohne jede Vorstellung von geografischer Distanz tut der Mann das einzige, was ihm einfällt: er geht in Richtung Russland. Und wenn Wasser auf seinem Weg liegt, dann wird er es eben durchschwimmen.

Nach erhitzter Diskussion unter den Leuten, die zwischen polizeilicher Auslieferung und Schutz des Schuldlosen schwanken, erklärt sich jemand bereit, für einige Tage die Unterkunft des Mannes zu bezahlen, bis die Behörden dazu kämen, sich um die Situation zu kümmern. Damit ist für die Anwesenden der Knoten gelöst. Das Problem scheint sich verflüchtigt zu haben, der Mann / das Problem kann wieder sich selbst überlassen werden.

Doch für den Mann ist das Problem nicht gelöst. Er muss zurück. Er geht zum Gasthaus und wartet vor seiner Schwelle, bis er den einzigen Mann wiedersieht, der seine Sprache spricht.

Das Gespräch zwischen dem weltgewandten Gastronomiemanager und dem entwurzelten Russen trifft den Kern dieses Textes von Zweig, der durchaus ein politischer ist. Hier einige Auszüge daraus, die nicht kommentiert werden müssen:

„Ihr wollt verzeihen“, stammelte der Flüchtling, „ich wollte nur wissen … ob ich nach Hause darf.“
„Gewiß, Boris, du darfst nach Hause.“, lächelte der Gefragte.
„Morgen schon?“
Nun ward auch der andere ernst. Das Lächeln verflog auf seinem Gesicht, so flehentlich waren die Worte gesagt.
„Nein, Boris … jetzt noch nicht. Bis der Krieg vorbei ist.“
„Und wann? Wann ist der Krieg vorbei?“
„Das weiß Gott. Wir Menschen wissen es nicht.“
„Und früher? Kann ich nicht früher gehen?“
„Nein, Boris.“
„Ist es so weit?“
„Ja.“
„Viele Tage noch?“
„Viele Tage.“
„Ich werde doch gehen, Herr! Ich bin stark. Ich werde nicht müde.“
„Aber du kannst nicht, Boris. Es gibt doch eine Grenze dazwischen.“
„Eine Grenze?“ 

„Hilf mir um Christi willen, Herr! Hilf mir, ich ertrage es nicht mehr!“
„Ich kann nicht, Boris. Kein Mensch kann jetzt dem andern helfen.“  

Die Phäaken, deren Schiffe so sicher die Meere befahren und jedem Irrenden die Heimkehr ermöglichen, sind im Strudel des Krieges so hilflos und treibend wie alle anderen. Sie können Odysseus nicht helfen. Und so kommt es unweigerlich, wie es kommen muss:

Ein Zufall wollte es, daß derselbe Fischer am nächsten Morgen den nackten Leichnam des Ertrunkenen auffand. Er hatte sorgsam die geschenkte Hose, Mütze und Jacke an das Ufer gelegt und war ins Wasser gegangen, wie er aus ihm gekommen. Ein Protokoll wurde über den Vorfall aufgenommen und, da man den Namen des Fremden nicht kannte, ein billiges Holzkreuz auf sein Grab gestellt, eines jener kleinen Kreuze über namenlosem Schicksal, mit denen jetzt unser Europa bedeckt ist von einem bis zum andern Ende.

Einer der kürzesten, aber zweifellos der mächtigste Text in dieser Sammlung. Relevant – damals wie heute.