Der Text, den wohl jeder kennt. Generationen von Lehrern mit dem Auftrag, ihre Schüler für die Nazi-Thematik zu sensibilisieren, haben ihn als 2-Fliegen-mit-einer-Klappe-Werkzeug benutzt: literarische und politische Bildung in einem.

Vielleicht muss ich zur Handlung nicht einmal etwas sagen.
Nur so viel: Im Kern geht es um einen Anwalt aus einer Familie, die mit der Verwaltung von Gütern der ehemaligen königlichen und kirchlichen Elite der Donaumonarchie beauftragt ist. Auch nach dem Untergang des Habsburgerreichs setzt sie diese Tätigkeit still und diskret fort. Nun bekommen aber die Nationalsozialisten durch Verrat Wind davon und sperren den Anwalt in Einzelhaft, um ihn dazu zu bewegen, Informationen über die ihm anvertrauten Werte herauszurücken. Er weigert sich und bleibt in Gefangenschaft in einem Hotelzimmer. Seine Wärter holen ihn immer wieder heraus, um ihn zu verhören, aber er bleibt stumm. Dennoch hätte ihn die psychische Qual der Isolation mit der Zeit zermürbt, wenn er nicht in einer verzweifelten Aktion ein Buch aus dem Mantel eines der Gestapo-Männer gestohlen hätte. Zurück in seiner Zelle sieht er, dass es nur eine Sammlung mit berühmten Schachpartien ist, in der die Züge durch die Zahlen der Felder angegeben sind (c8 zu c9, f3 zu e5 etc. – keine Ahnung, ob das Sinn macht, aber ihr versteht das Beispiel).
In den Monaten, die bis zu seiner Befreiung noch vergehen, lernt er die Weltmeister-Partien in der Sammlung auswendig, spielt sie mental nach und als er mit ihnen durch ist, beginnt er, auf diese Weise gegen sich selbst zu spielen. Auf diese Weise, man könnte sagen, durch eine erzwungene Schizophrenie, schafft er es, dem Druck seiner Haft auszuweichen, aber beinahe kostet ihn das seine psychische Gesundheit. Am Ende erleidet er wirklich einen Zusammenbruch und landet bei einem Arzt. Dieser Arzt erweist sich wiederum als sein Retter, indem er ihn als haftunfähig erklärt.

Die Geschichte des schachspielenden Anwalts erzählt Zweig wieder als Binnengeschichte. Ihren Rahmen bildet eine Schiffsfahrt auf einem Ozeandampfer, auf dem der Protagonist entdeckt, dass der Weltschachmeister  anwesend ist. Bei einer Partie dessen gegen die Passagiere tritt plötzlich ein Fremder hinzu und verwandelt die drohende Niederlage der Amateure in ein Patt. Neugierig geworden, forscht der Erzähler nach diesem Mann und bekommt von ihm schließlich die Geschichte zu hören, wie Schach sein Leben rettete.

Die Scbachnovelle ist nicht der intrinsisch interessanteste Text Zweig, aber zweifellos einer der wirkmächtigsten. Und er gibt eine der eindrucksvollsten Demonstrationen der Grenzenlosigkeit von Zweigs Einfühlungsvermögen. Dass er nach dem Zweiten Weltkrieg so weitläufig gelesen wurde, ist ohne weiteres verständlich. Es ist unglaublich wie genau Zweig in diesem Text, der noch mitten im Zweiten Weltkrieg entstanden ist, dessen Ende Zweig nicht mehr erlebte, die Vorgehensweise der Gestapo schildert, wie wir sie heute aus Filmen kennen. Es müssen Zweig damals Berichte davon erreicht haben. Wie sonst könnte er von jenseits des Ozeans die feinen Grausamkeiten der Verhörmethoden der Nazis beschreiben, Methoden, die der Mentalität und Moralität von Zweigs Welt von Gestern so wenig entsprechen wie die von Außerirdischen. Oder ist es wirklich allein Zweigs Fantasie, gefüttert wohl von dem einen oder anderen Zeitungsartikel, die die ferne Wirklichkeit so klar zeichnet, als hätte er selbst sie erlebt? Das wäre ein Punkt, in dem es ganz interessant wäre, nachzuforschen: Wie schafft Zweig es, sich so exakt in die Welt und Methodik einer neuartigen Diktatur von nie gesehener Grausamkeit einzufühlen? Eigentlich würde man denken, nachdem man seine anderen Texte gelesen hat, dass sein Einblick hier auf eine Wand stößt, nicht mehr weiter kommt. Aber das zeichnet wohl einen wahren Literaten aus, dessen Subjekt der Mensch ist: So fremdartig und monströs kann er gar nicht werden, dass ihm der Autor in seine Tiefe nicht hinunterfolgen könnte.

Zweig soll kein guter Schachspieler gewesen sein, wie Freunde über ihn berichteten, aber er hatte eine Leidenschaft dafür, und dass er die Komplexitäten des Spiels versteht, schlägt sich in jeder Zeile des Textes nieder. Zweigs deskriptive Kräfte lassen das Schachbrett dem Leser wirklich als ein Schlachtfeld vor Augen treten, ein Schlachtfeld des würdigen Geistes. Hätte das Spiel es nötig, promotet zu werden, fänden sich in der Novelle unzählige geeignete Textstellen.

Thematik und Plot des Textes lassen ihn ikonisch aus dem Gesamtwerk Zweigs herausstechen. Er ist plakativ und leicht zugänglich und lädt zur Identifizierung mit dem Autor ein. Er hat alle Attribute eines Textes, der für die literarisch halbwegs interessierte Masse geeignet ist. Und er ist kein schlechter Text. Kein Text in der Sammlung ist schlecht. Es gibt für mich einfach psychologisch noch interessantere darin. Zur unbedingten Lektüre würde ich wahrscheinlich andere anraten, aber da man bei Zweig sowieso keinen Fehlgriff machen kann (außer vielleicht bei seinen Gedichten), ist das nicht so wichtig.