Ich sehe schon eine Flut aus neuen Memes und GIFs auf uns zukommen. Oder auch nicht. Möglicherweise ist der jüngste Superheldenfilm (NICHT aus dem Marvel-Stall– es wird einem verziehen werden, dass man langsam den Überblick verliert, welches Studio die Rechte an welchem Superactionhelden besitzt) schon so ironisch, sarkastisch und abgeklärt, das für das Internet nicht mehr viel zu tun bleibt.

Fest steht, dass die selbstreferenziellen Witze, die wie Neonschilder auf die abgeschmackten Handlungsbausteine aus dem Hollywood-Zentralverleih verweisen, den Film Deadpool akupunktieren wie den haarigen Rücken eines chinesischen Gangsterbosses. Der Vormarsch von Ironie und Sarkasmus scheint nicht aufzuhalten.

Aber eigentlich ist es logisch. Je übertriebener, kindischer und ausgelutschter das Superhelden-Genre, diese allerletzte Hoffnung ratloser Hollywood-Bosse im Streaming-, Crowd-Funding-und Handykino-Age, wird, umso größer scheint der Druck zu werden, ein wenig davon durch humorvolles Zwinkern (es wirkt aber fast schon epileptisch) zum Publikum abzulassen. Das geht mitunter sogar so weit, dass man sich fragt, ob man überhaupt noch einen Film ansieht oder einen Film über einen Film. Zugegeben: Deadpool gelingt das auf ziemlich charmante Weise. Ja, die Force, mit der der Film sich unernst nimmt, ist schon fast wieder lästig, aber eben nur fast. Es gelingt ihm, innerhalb der Grenzen des schockierten und überraschten Kicherns zu bleiben. Trotzdem: Während der Held einem Gegner die Unterhose halb aus dem Arsch reißt und kurz darauf einen anderen mit seinen zwei Legolas-Schwertern in der Luft kreuzigt, fragt man sich unwillkürlich, wie Filme in zehn Jahren aussehen werden.

Damit wären wir beim zweiten Punkt, auf den ich eingehen möchte.

Noch eine andere dominante Strömung in der populären Erzählkunst ist in Deadpool gewärtig und macht den Film tatsächlich interessant: die Game of Thrones-Schule. Damit meine ich nicht das regelmäßige Abmurksen von geliebten handlungstragenden Figuren, sondern die Entzauberung von Gewalt. Während Helden früher ihre Gegner gnadenlos verprügeln und übel zurichten durften, ohne dass dies scheinbare Konsequenzen für deren allgemeine Gesundheit hatte, mordet sich Deadpool gewissenlos und unter endlosem Spott im kalten Licht der Kamera durch die Horden seiner Feinde. Einmal schleift er einen Feind, der sich als alter Bekannter entpuppt, bewusstlos aus dem Geschehen, aber schon nach dem nächsten Schnitt arrangiert er die rot umrandeten Leichen von dessen Kameraden zu einer morbiden Nachricht. Die turbulente Allianz von Ironie und Megagewalt wurde sogar meinem Mitpublikum manchmal zu viel. Obwohl sehr viel gelacht wurde, blieben manche Lacher auch in den Kehlen stecken. In einer der finalen Szenen, in der sich lichtvolle Einsicht und Katharsis andeutet, ignoriert Deadpool achselzuckend den humanen Appell eines Mithelden und murkst seinen besiegten Todfeind mit einem Fingerzucken ab. Was erwartest du von mir, ist, paraphrasiert, seine Rechtfertigung – ich bin ja nur ein Bastard. Hier wird es kritisch. Der Moment hat ähnliches Kontroversenpotenzial wie der in Man of Steel, als Superman Zorg (war das der Name? General Zorg?) das Genick bricht, wobei in jenem Fall wenigstens das Leben von Unschuldigen auf dem Spiel stand. Die Szene lässt einen ein wenig besudelt zurück, was, schon klar, der Sinn ist. Aber man fühlt sich dennoch ein wenig … ernüchtert? enttäuscht? empört? oder sogar abgestoßen?, als der Held zehn Sekunden nach dem Kill mit seiner Angebeteten herumknutscht.

Auch die letzten Filme aus dem Hause Marvel sind mehr und mehr in die Richtung der Selbstironie gegangen. Aber Deadpool setzt hier definitiv eine neue Messlatte, die zwar interessant ist, aber zugleich auch ganz tief unten. Man fragt sich, ob das das auf zukünftige Heldenfilme abfärben wird. Wohl kaum auf Marvel-Filme, die sich eine Ab-16-Wertung nicht leisten können. Das verschafft ein wenig Erleichterung. Denn immerhin braucht ein Superheld – wenigstens nach meinem Verständnis – eine zumindest eine Restspur von Jesus und Gandhi in sich, sonst bleibt nur noch die leere, muskelstrotzende Hülle eines Killers. Ein gefährlicher Hang, Studios.

Was ein guter, moderner Held mit kindischen Superfähigkeiten ist, redet mit dem Publikum. Aber er sollte aufpassen. Donald Trump hat vorgemacht, dass ein zum Verbündeten gemachtes Publikum viel vergibt, aber es gibt doch (hoffentlich, vielleicht) letzte Bande, die nicht reißen sollten. Deadpool hat diese Bande ausgetestet.

Bottom Line: Guter, interessanter Film. Erfrischender als die Marvel-Installationen, obwohl er es unglaublicherweise auch geschafft hat, mich nach der reinen Rechtschaffenheit des puritanischen Langweilers Captain America sehnen zu lassen.