Für Franz Kafka war das Schreiben ein Akt, der die innersten, unbewussten Kräfte freisetzt und ans Licht, aufs Papier bringt. Jeder, der es schon einmal versucht hat, stimmt dem zu. In der völligen Konzentration verlieren wir uns selbst.  Beim Schreiben konzentrieren wir uns aber auf uns selbst, auf die Kräfte und Strömungen, die unablässig in uns fließen und das formen, was wir unseren Charakter nennen. Wir betrachten also uns selbst, ohne unser Selbst sein zu müssen, und in dieser Position ist es unvermeidbar, dass wir auf viel Neues, Ungekanntes stoßen.

Üblicherweise reagiert jemand, der mit scharfen Fragen konfrontiert wird, besonders in Öffentlichkeit, indem er sich verschließt. Trotzige Abwehr soll den Einfall durch unsere inneren Tore verhindern. So ist es kaum möglich, einen Menschen von außen zu ändern. Was aber, wenn die Kritik aus dem Inneren der Stadt kommt? Die Verdrängung ist stark, keine Frage, und immer wieder dämmt sie unsere lichten Momente. Genau hier aber ist das Schreiben so stark. Es ist beharrlich, beständig und gnadenlos, indem es uns zwingt, unablässig aufmerksam zu bleiben. Wer seine inneren Schleusen schließt, kann nicht mehr so schreiben, dass es sich gut anfühlt. Es verlangt nicht Ehrlichkeit, aber eine Offenheit für das Sentiment, und das ist das Entscheidende. Aus dem Sentiment bilden sich Gefühle, aus dem Gefühl Einstellungen und Haltungen und schließlich Worte, Sätze und Reden. Danach erst folgen die Taten.

Wie sähe also die Welt aus, wenn jeder Mensch schreiben würde? Könnte Fundamentalismus, könnten Hass und Intoleranz noch bestehen? Es kann allerwenigstens angezweifelt werden. Schreiben über sich selbst oder über andere bringt Bewegung in das Erstarrte in uns. Die Totenfelder der Seele werden neu begrünt. Fragezeichen beginnen zu sprießen. Und eine Frage enthält mehr Sprengkraft als tausend Antworten.

Also schreibt! Schreibt Romane, schreibt Essays, schreibt Reportagen und Tagebücher. Schreibt, was ihr seht, was ihr empfindet, was ihr euch vorstellt. Schreibt! Die Feder ist das Schwert gegen alle Schwerter.