“Blauschmuck” von Katharina Winkler ist ein Buch, das enorme Sprengkraft in unserem politischen Diskurs hätte – wenn die Leute noch lesen würden. Dass die neue Rechte es sich noch nicht auf ihre Fahnen geheftet hat, sagt mir, dass der Roman im kulturellen Diskurs unter das YouTube-Video gerutscht ist. Naja. Zeit vergeht. Dinge ändern sich. Wenn wir in einer Bildkultur leben wollen wie der vorhistorische Mensch, bitte sehr.

Wir werden das Buch trotzdem besprechen und euch erklären, was daran so pikant ist.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Es ist die Geschichte der Ehe einer türkischen Frau mit einem türkischen Mann. In kurzen, poetischen Blitzlichtern folgen wir dem Lebenslauf von Filiz von der Schwelle ihres Vaterhauses bis in die Wohnung in Österreich, die sie sich mit ihrem Mann Yunus teilt. Dieser Yunus lässt sich von ihr ankleiden und bekochen, schickt sie zum Geldverdienen und streicht den Lohn selbst ein, macht ihr ein Kind, wann es ihm gefällt, und schläft dabei auch mit jeder anderen, die ihm unterkommt. Dazwischen schlägt er seine Frau, würgt sie, demütigt sie und sperrt sie ein. Unter seinen Schlägen entsteht der Blauschmuck.

Die Frage, die sich Lesern jetzt aufdrängt, schlicht durch unsere eigenen Erfahrungen, ist: Ist das der typische muslimische / arabische Mann? Man wird wütend. Man wird stinkwütend. Man will, dass er es ist, damit die Wut, die man hat, eine Zielscheibe bekommt.

Der Roman stellt aber keine kulturpolitische These auf. Er erwähnt Religion kaum. Er spielt einfach nur in der Türkei. Trotzdem wird ihn jeder als Abrechnung mit dem Frauenbild in der islamischen Welt lesen. Natürlich. Im derzeitigen Klima, nach Köln.

Ich habe die Autorin bei einer Lesung erlebt und kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass dies kein so genanntes Enthüllungsbuch sein soll. Katharina Winkler ist die Tochter der Ärztin, die Filiz untersucht und bei ihrer Flucht aus der Gefangenschaft unterstützt hat. (Es kann sein, dass ich hier Fakten ungenau darstelle. Vielleicht war sie nur die Frau des Arztes, und ihre Rolle kleiner, als ich hier schreibe, aber sie hat auf jeden Fall in persönlichem Kontakt mit Filiz gestanden.) Frau Winkler hat Filiz später interviewt und aus den etwa sechzig Stunden Wortmaterial,  die dabei entstanden sind, zehn Jahre später nun diesen Roman destilliert.

Ja, der Roman beruht auf wahren Begebenheiten.
Ja, das Patriarchat ist im Osten weniger stark zurückgedrängt als im Westen.
Aber: “Blauschmuck” ist immer noch ein Roman. Und ein Roman ist eine offene Fläche, die den Leser einlädt, darauf zu projizieren, was er will. Die Geschichte muss sich nicht nur auf den Islam beziehen. Sie hat diesen konkreten Hintergrund, auch wenn er abgesehen von den Namen der Personen nicht besonders betont wird. Aber ihn auf diesen zu beschränken, hieße, die Möglichkeiten des Romans zu beschränken, seine Vielstimmigkeit zu unterdrücken und ihn zu der Eindimensionalität eines Pappschilds auf einer politischen Rally zu reduzieren. Im Kern ist die Geschichte, die Winkler erzählt, keine muslimische Geschichte,  sondern eine Geschichte über die Situation der Frau im uneingeschränkten, absoluten Patriarchat. Es ist eine Geschichte über Gefangenschaft. Es ist KEINE Geschichte über den “ungebrochenen Willen zur Selbstbehauptung”, wie auf dem Cover steht. Spuren davon sind vorhanden in Filiz’ innerer Stimme, ja. Aber die Spuren reifen nie zu etwas Konkreterem heran, nicht innerhalb des Handlungshorizonts. Um Widerstand geht es hier nicht. In der Erzählstimme von Filiz artikuliert sich nie Kritik oder Empörung. Wie auch? Sie kennt ja nichts anderes. Wir sehen ihr Leiden und erzürnen, stellen uns tausend Möglichkeiten vor, wie wir an ihrer Stelle ihren Folterer massakrieren würden, aber sie nimmt es hin. Überlegt stattdessen, wie sie sich selbst aus der Welt schaffen kann. Sie hält nur durch. Bis sie auch das nicht nicht mehr tut. Bis sie bereit ist, sich von diesem Schwein, sprechen wir es ganz deutlich aus, in den Tod treiben zu lassen. Das ist definitiv keine Widerstands-, sondern eine Leidensgeschichte. Und damit ist es eine reale Geschichte. Kaum jemand leistet Widerstand im wirklichen Leben. Nicht einmal gegen Donald Trump.

Wenn die Autorin sagt, es habe so viele Jahre gedauert, bis sie ihre Sprache gefunden hatte, ist ihr uneingeschränkt Glauben zu schenken. Aus eigener Erfahrung und aus der verschriftlichten unzähliger Schriftsteller weiß man, dass das keine Kleinigkeit ist. Ich bin auch bereit, anzunehmen, dass die Veröffentlichung just zu dieser Zeit ein Zufall ist. Der Stoff ist älter als sein derzeitiger Kontext.

Katharina Winkler hat weiters gesagt, dass sie viele Gedichte und persönliche Novellen geschrieben habe und dass ihre Gedichte definitiv Einfluss auf ihre Prosa hätten. Das ist erkennbar im Layout. Oft steht auf einer Seite nur ein einziger Absatz. Jeder der Absätze macht einen zeitlichen Sprung. So wird die Geschichte eines Jahrzehnts in eine in wenigen Stunden lesbare Textgestalt gebracht. Das ist eine ziemliche Leistung, die gewürdigt werden muss. Katharina Winkler macht das sehr gut, obwohl es meinem persönlichen Geschmack nicht entspricht. Die Leichtigkeit und Traumhaftigkeit, in der sich die Sequenzen aneinanderreihen, borgen für mich zu sehr von der Lyrik. Ich mag meine Romane dick und dicht und realistisch, jede Seite bis auf den letzten Milimeter vollgestopft mit dem gedruckten Wort. Aber das ist nur persönliche Präferenz, die mein Urteil nicht beeinflusst. Es ist ein guter Roman. Bleibt abzuwarten, ob es ein eine einmalige Manifestierung einer angestauten kreativen Energie ist oder ob wir von Frau Winkler noch mehr erwarten dürfen.

Bottom Line: Es war eine gute, schnelle, leichte Lektüre, und ich bin gespannt, ob der Roman nicht doch noch Resonanz in der politischen Debatte finden wird. Zweifellos wird dabei jede Seite herauspicken, was ihre Position zu bestätigen scheint, aber das hat ja schon gute alte biblische Tradition. Wenn es zu dieser Debatte käme, könnten wir das dicke Buch der Beispiele, wie Romane durch Festschreibung verkleinert und missverstanden werden, um eine weitere Seite erweitern.

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