“Lichtfang” ist die Geschichte eines Paars, aber nicht direkt eine Liebesgeschichte.

Lilith und Rufus sind Abiturienten in einer deutschen Kleinstadt und beide Außenseiter. Rufus aufgrund eines äußeren Defekts, Lilith, weil sie innerlich anders ist. Der Klappentext legt wert auf die Feststellung, dass Rufus eher wissenschaftlich-analytisch unterwegs und Lilith ein haltloser, kreativ-melancholischer Geist ist, die beiden daher ein schönes Yin-Yang bilden, aber davon war bei meiner Lektüre nicht viel zu merken. Was Lilith betrifft, die sich als die eigentliche Protagonistin entpuppt, schon, aber Rufus ist für mich eine Nichtfigur, der kaum einen eigenständigen Charakter entwickelt. Darunter leidet dann auch die ohnehin sehr sparsame Charakterisierung der beiden als Paar. Dieses Paar ist mein nächstes zu rupfendes Huhn. Dass ausgerechnet die beiden Außenseiter zusammenfinden, um sich gegen die Welt zu behaupten, ist ein solcher psychologischer Gemeinplatz, dass man ihn in einer Geschichte eigentlich gar nicht mehr einsetzen dürfte. Aber gut, es gibt ja nichts Neues unter der Sonne…

Die Geschichte von Lilith und Rufus wird abwechselnd aus seiner und ihrer Perspektive erzählt. Die Innerlichkeit der beiden wird dabei erzählerisch so konsequent durchgezogen, dass abgesehen von den beiden Protagonisten kaum eine andere Figur auch nur ein wenig an Kontur gewinnt. Später tritt zwar ein Kurt auf, dessen Sinn in der Handlung außer als Eifersuchtsstifter und als Verkörperung von Kindheitserinnerungen mir verborgen geblieben ist, aber auch er bleibt nur die Zeichenfolge K U R T. Charakter? Nein. Nein, wirklich nicht.

Die Armut an Beschreibungsvielfalt ist eine logische Folge des Erztählmodus. Tief im Inneren einer Seele kann es eben nur um diese Seele selbst gehen. Zuschauer, die zufällig dabeisitzen, erfahren so zwangsläufig nichts über die externen Verhältnisse. Ein mit der Figur verhafteter Erzähler weiß nichts über andere. Und genau das ist das Problem, das ich mit solcher erzählerischen Innerlichkeit habe.

Ich mag Verinnerlichung nicht. Was meine ich mit Verinnerlichung? Ich meine damit, wenn die Gedanken, Gefühle, Bewusstseinsprozesse und Wahrnehmungen der Figur, aus deren Sicht eine Geschichte erzählt wird, wichtiger als die Geschichte, als der Plot selbst wird. Und mir kommt es so vor, als geschehe das mit mehr und mehr Texten der neuen Literatur. Anstatt große, realistische Panoramen zu entwerfen, in denen eine große Anzahl an unterschiedlichsten interessanten Charakteren greifbar gemacht wird, zeigen alle neuen Autorinnen und Autoren, dass das Individuum ungreifbar bleibt. Das ist nicht direkt falsch und eine Einstellung, die man abtun kann. Aber zugleich versuchen diese SchriftstellerInnen eben doch auch, ein wenig Licht in die Persönlichkeit zu bringen, versuchen es ganze Bücher lang. Oft bedienen sie sich dabei Metaphern und anderer sprachbildnerischer Mittel, die eher noch mehr verdunkeln, anstatt zu erhellen. So ist es, als ob diese AutorInnen beides haben wollen: die Unmöglichkeit der Deutlichmachung, während sie zugleich den Anspruch stellen, mit ihren ausgeklügelten Metaphern das Unmögliche deutlichER zu machen. Der Widerspruch, der darin liegt, macht mich ganz verrückt und deswegen meide ich solche Texte an sich. Aber man muss am Puls der Zeit bleiben und deswegen lese ich auch sie.

Aber zurück zum Buch. Es scheint für mich drei Schulen anzugehören: a) der FM4-Schule, b) der John Green-Schule, c) der Schule der Bildnerischen Kunst. Es ist ein Buch, dessen Sprache für den FM4-Literaturwettbewerb geeignet ist, das sich an John Green-Fans richten könnte und in seinen Beschreibungen und Thematisierungen von Kunst typisch für Literatur aus den Federn (Pinseln?) von bildenden KünstlerInnen ist. Punkt c) beweist sich durch die häufigen Ausbrüche ins Visuelle. Genaue Beschreibungen und Bildmalereien treten so häufig auf, dass mir vorkommt, als seien sie der Hauptzweck und das knappe Gerüst einer Geschichte rundherum nur eine Tarnung. Und hier liegt mein Hauptproblem mit Texten wie diesem: mir fehlt die Weltkenntnis. Trotz der Detailiertheit bei der Beschreibung von Keksdosen und Darmvorgängen habe ich nicht das Gefühl, dass hier ein weises Auge auf die Welt blickt und ihr den Stoff einer Geschichte entreißt, sondern dass die Welt vielmehr kaum vorkommt. Die Detailgenauigkeit ist unausgewogen. Der Blick konzentriert sich auf ein Einzelnes und lässt daher nur dieses Einzelne scharf hervortreten. Nein, nicht einmal das. Denn dieser Blick verwendet Metaphern, und Metaphern sind das Gegenteil von Schärfe. Beispiel: Während ich mich nach der Lektüre etwa von Brechts “Dreigroschenroman” in meiner Weltsicht erweitert fühle und mir vorkommt, als tauchte ich gerade aus dem London des Macheath auf, entsteige ich der Lektüre von “Lichtfang” wie der Lektüre eines Gedichts. Ich habe ein paar Bilder im Kopf, bin aber um keinen Deut gescheiter geworden.

Natürlich, wie es in einer Geschichte, die von Liebe, Kunst und dem Kampf um das Selbst geht, endet alles tragisch. Feuer, dramatisches Feuer zieht den Schlussstrich unter eine Geschichte, die den Leser, dem es um Figuren geht, nie wirklich eingesaugt hat.

Bottom Line: An meinem Review merkt man es: Ich halte den Roman für symptomatisch für eine vorherrschende Strömung der neuen Literatur, die stark auf expressionistische und impressionistische Verbildlichung setzt und dabei darauf vergisst, warum Menschen eigentlich lesen. Das Buch ist nicht schlecht geschrieben, aber für mich einfach nur symptom. Ein gutes Gedicht erreicht den Effekt schneller und ökonomischer, den dieser Roman bei mir hinterlassen hat.

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