Wow.

Heute hab ich zum ersten Mal während eines Films geweint, seit ich ein Kind war.
Ich schäme mich nicht, es hat sich gut angefühlt. Ich wünschte, es kämen öfters großartige Filme heraus, die das bei mir bewirken.

Welcher Film war es? Natürlich. DER Film.

“Titanic” hat mich schon immer wahnsinnig berührt. Der Film ist 1999 in die Kinos gekommen. Damals war ich 9 oder 10. Ungefähr ein Jahr später ist er über das Abendfernsehen und die Videothek in unseren Haushalt eingezogen. Ich erinnere mich noch, wie umgeworfen meine Mutter, damals um die 40, von dem Film war, genau wie Millionen andere Frauen (und sicher auch viele Männer). Der Film hat ein ganzes Jahr, einen ganzen melancholischen Sommer geprägt, das vor allem über seine Musik. Obwohl “My Heart Will Go On” im Radio rauf und runter gespielt wurde, hat mir selbst das nicht gereicht. Er wurde einer der ersten Songs, die ich je auf eine CD brannte.

Die Geschichte, die James Cameron erzählt, ist einfach, aber überwältigend in der Umsetzung. Verwoben mit der Tragik der Historie ist die Geschichte von Jack und Rose, den Liebenden über die Standesgrenzen hinweg, eine der elementarsten der menschlichen Kunst. Doch Cameron bedient sich allen, wirklich allen damals zur Verfügung stehenden Mitteln, die nur das Kino besitzt und macht aus dem Film ein Ereignis.

Die Mittel:

  • Musik für die Ewigkeit
  • Zwei Hauptdarsteller, die in ihrer Schönheit vom Himmel herabgesandt wirken und ein Lehrbuchbeispiel für Chemie zwischen Schauspielern abgeben. (Es hat Jahre gebraucht, bis ich kapiert habe, dass DiCaprio und Winslet kein Paar sind. Und als ich es kapierte, verstand ich nicht, warum denn bitte nicht.)
  • Eins-A-Support-Darsteller.
  • Ein Filmset, wie es wohl immer noch einzigartig in der Filmgeschichte ist.
  • Bombentechnik.

Und das Romantische erst! Die Liebe zwischen Jack und Rose war mir, dem Prä-Pubertären, schon damals verständlich. Und sie ist mein Idealbild der Liebe geblieben. Bis heute gehe ich mit der latenten Erwartung einer solchen Bindung in jede neue Beziehung – mit ernüchternden Ergebnissen, oh grausame Realität, sei wie die Kunst! Ich glaube, dass Kate Winslet die erste Frau war, die ich nackt gesehen habe. Die Erotik der Szene, in der Jack Rose auf dem Sofa malt, die mich einfach nur atemlos, beschämt, verwirrt und aufgeregt gemacht hat, werde ich nie vergessen. Was für eine schönere, gefühlvollere erste Begegnung mit Sexualität und weiblicher Schönheit kann es geben?

Jacks Tod hat mich natürlich umgehauen, und todtraurig gemacht. Aber ich begriff damals noch nicht die Bedeutsamkeit des Todes. Ich begriff die Angst vor dem Sterben der Leute auf dem Schiff, konnte sie nachempfinden. Aber ich begriff nicht, dass “Titanic” mehr noch als die Geschichte der Unvergänglichkeit der Liebe die Geschichte der Vergänglichkeit alles anderen, vor allem der menschlichen Eitelkeiten erzählt. Das Schiff selbst, die stolze Errungenschaft der modernen Technik, ein Sieg über die Willkür des Ozeans, verdeutlichte den erwachenden Fortschritts- und Erfindungsgeist des Menschen, aus dem eine Gläubigkeit wurde. Das Scheitern des Schiffes an einfacher menschlicher Hybris versinnbildlicht das Scheitern alles menschlichen Wahns. Während der Strom auf dem sterbenden Eisentitan erst flackert und dann erlischt, wird neben der Bedeutung der Technik auch die Bedeutung von Stand, Reichtum, Klassendenken ausgelöscht. Alle sterben gemeinsam. Nicht die Reichsten, sondern die Feigsten und Ruchlosen überleben. Am Ende treiben wir alle gemeinsam im Wasser. Der Tod bringt uns alle zusammen.

Dieser letzte Punkt, verbunden mit der sanften Gegenthese von Jack und Rose, hat mir diesmal den Rest gegeben und mich erneut über einen Film weinen lassen, den ich schon ein halbes Dutzend Mal gesehen haben muss.

Eigentlich hasse ich diese Phrase ja, aber in diesem Fall muss sie einfach sein:

Ganz, ganz großes Kino.