Die Hobbits erhalten eine Ruhepause im Haus eines der seltsamsten Geschöpfe Mittelerdes.
“Der Älteste bin ich.”, antwortet Tom Bombadil auf die Frage Frodos, wer er sei. “Tom war hier vor dem Fluss und vor den Bäumen. Tom erinnert sich an den ersten Regentropfen und die erste Eichel. Er machte Pfade vor den Großen Leuten und sah die Kleinen Leute kommen. Er war hier vor den Königen und den Gräbern und den Grabunholden. Als die Elben nach Westen zogen, war Tom schon hier, ehe die Meere bezwungen wurden. Er kannte das Dunkel unter den Sternen, als es noch ohne Schrecken war – ehe der Dunkle Herrscher von außen kam.”
Tom Bombadil ist wirklich, WIRKLICH alt. Ich bin mit der Tolkien-Mythologie nicht fest genug vertraut, um genaue Angaben machen zu können, aber er ist auf jeden Fall älter als Menschen und Hobbits. Die ersten Wesen, die in Mittelerde erwachten, waren die Elben. Er war damals, vor Urzeiten, die in Mittelerde schon lange Legendenstoff sind, schon da.
Was hat er in all der Zeit gemacht? Und seine Frau Goldbeere, die Tochter des Flusses? Sie sitzt in Toms Haus umgeben von steinernen Schüsseln gefüllt mit Wasser und Teichrosen, “sodass es aussah, als throne sie inmitten eines Teiches.” Wer genau ist sie? Lebt sie auch schon so lange in Mittelerde?
Ein schnelles Nachschlagen im großen “Tolkien-Lexikon” von Schneidewind verrät, dass Bombadil möglicherweise ein Schutzgeist der Valar ist oder ein Maia (Wesen wie Gandalf, Saruman), der sich eigenständig in Mittelerde niedergelassen hat. Tolkien selbst hat auf Bombadil angesprochen offenbar bemerkt, dass dieser eines jener Rätsel sei, die es eben  geben müsse. Eine sehr gute Position, wie ich finde. Die Figur von Tom Bombadil existiert übrigens schon länger als “Herr der Ringe”. Schon im Jahr 1934 veröffentlichte Tolkien das Gedicht “The Adventures of Tom Bombadil”, in dem u.a. dessen Hochzeit mit Goldbeere geschildert wird. Insofern ist es also nur folgerichtig, dass auch die Figur Tom Bombadil älter ist als alle anderen Charaktere der Geschichte.
Aber kommen wir zurück zum Fortgang des Kapitels. Die Hobbits finden in Toms gemütlichem Haus am Rand der Hügelgräberhöhen eine Rast und Zuflucht von ihrer durchstandenen Mühsal. Sie verweilen dort für ein paar Tage, während Regen sanft und friedlich außerhalb der Holzwände niederrauscht. Frodo hat eines Nachts einen weiteren prophetischen Traum. Diesmal handelt er von Gandalfs Flucht von der Spitze des Orthanc, doch Frodo versteht nicht, was er sieht.
Die Ruhepause, die das Kapitel darstellt, könnte manchen Lesern als langatmig erscheinen. Meiner Meinung ist sie aber genau das, was den Charme des langen Werks ausmacht. Die Gemütlichkeit, die kleinen Abweicher des Erzählfadens, der interessierte Blick in Details, an denen dem Autor so viel liegt. Außerdem gönnen wir den Hobbits die unerwartete Zuflucht am Rande des gefährlichen Walds. Der Gesang Toms und Goldbeeres, ihr leckeres Mahl, ihre Freundlichkeit unter ihrem Dach – all das formt zusammen eine Sphäre der Sicherheit und Geborgenheit, die wir mit den Hobbits teilen.
Zuletzt bekommt noch ein interessantes Gedankenexperiment hier seine Wurzel, als uns gezeigt wird, dass der Ring auf Tom keine Macht auszuüben scheint. Er steckt ihn sich an, ohne unsichtbar oder von seiner Lockung erreicht zu werden. Es zeigt, wie sehr der runde, bärtige Bombadil ein Wesen ist, das außerhalb der Ordnung Mittelerdes und außerhalb der Erzählung steht. Immer noch schade, dass er aus den Filmen gestrichen wurde, auch wenn klar ist, warum.