Als ich zuerst von Seethalers neuem Roman gehört habe, musste ich an Walters Kappachers “Fliegenpalast” denken. In dem dünnen Band, für den der Salzburger Autor 2009 den Georg-Büchner-Preis gewonnen hat, geht es um Hugo von Hofmannsthal, der gegen Ende seines Lebens zur Sommerfrische einen Ferienort seiner Kindheit besucht und mit seinem Gesundheitszustand, seinem Künstlertum und der Zeit überhaupt hadert. Kappachers Text begeht den mutigen, manche würden sagen verwegenen Akt, den Leser tief in den Kopf seines Protagonisten eintauchen und Anteil an seinen Sorgen, seinen Erinnerungen und seiner Melancholie nehmen zu lassen. Am Ende steht ein ebenso kompaktes und eindrucksvolles wie ruhiges und stilles  Buch über Vergänglichkeit und das Altern, das durch das literarische Stardom der Hauptfigur für den Kenner und die Kennerin eine  besonders exquisite Geschmacksnote erhält.

Auch Seethalers Roman weist ein intellektuelles Schwergewicht auf. Anstatt jedoch in Sigmund Freuds Gedanken zu schlüpfen, gerät der Leser stattdessen an der Seite der Unschuld vom Salzkammergut Franz Huchel mit dem Weisen aus der Berggasse in Kontakt. Dieser Franz wird von seiner  Mutter im Alter von siebzehn Jahren zu einem Bekannten in Wien geschickt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Otto Trsnjek heißt der stereotypisch grimmige Trafikant und Weltkriegsinvalide, der den Jungen bei sich wohnen und arbeiten lässt. Davon abgesehen tut er nicht viel für oder gegen den jungen Mann. (Er scheint ihn aber fürstlich zu entlohnen, dem vielen Geld nach zu schließen, das Franz das ganze Buch über im Prater verprasst.)

Kurz nach seiner Ankunft trifft Franz im Prater die Böhmin Anezka, ein Mädchen von leichter Moral, wie sich später in zweifacher Hinsicht erweisen wird. Der plötzliche Liebessturm zusammen mit einer professoralen Vorliebe für Qualitätsrauchware und geographischer Nähe bringt schließlich die aufdringliche Landkartoffel und den König des Elfenbeinturms zusammen. Ihre Gespräche finden vor Hintergrund des näher und näher dräuenden Nationalsozialismus statt, der der Geschichte letztlich ihren Rhythmus, Höhepunkt und Endpunkt gibt.

Die Konstellation alternder Intellektueller – unbedarfter Jüngling erinnert stark an eine momentan wirkmächtige Konstellation in der Popkultur, die ich auf den Film Ziemlich Beste Freunde zurückführen würde. Seit dem Überraschungserfolg dieser Herzenskomödie über einen reichen, gebildeten Querschnittgelähmten und seinen bauernschlauen, lebensfrohen Helfer von der Straße scheinen andere Filme und Romane, die an dem Kuchen mitschneiden wollen, aufzusprießen, wohin man sieht.

Die Frage, ob “Der Trafikant” auch unter diese Mitläufer gehört, ist schwierig zu klären. Es gibt vieles, was mir an dem Buch gefällt. Zunächst hat es sich sehr flüssig gelesen, was in fünfundsiebzig Prozent der Fälle ein Plus ist. Seethaler verwendet leichte, lockere Sprache, die es dennoch schafft, Beschreibungsräume zu schaffen, die sich plastisch und authentisch anfühlen. Obwohl die Worte sich nicht sonderlich um eine konkrete Beschreibung des Wiens der Dreißiger bemühen, weht einen dennoch ein Hauch davon aus ihnen an, und ganz besonders aus der Sprache von Seethalers Figuren, seinen Dialogen, in denen sich die Gemütlichkeit der Stadt eingenistet findet. Gleichzeitig sind diese Dialoge aber die größte Schwäche des Buchs. Manche Sätze klingen für mich so, wie wir uns heute wünschen würden, dass sie damals gesagt worden wären. Das ist legitim in Fiktion, aber es macht die historische Illusion durchsichtig; wir merken plötzlich, dass wir in etwas Gemachtes hereinschauen, um  Tolkien zu paraphrasieren. Vor allem Franz sagt oft Dinge, die wohl auf natürliche Klugheit hinweisen sollen, dafür aber für meinen Geschmack etwas zu philosophisch angehaucht sind.

Eng mit diesem Punkt hängt auch meine Hauptkritik an dem Buch zusammen: Es fehlt ihm das Überraschende, Originelle, Neue auf inhaltlicher oder formeller Ebene, um wirklich literarisch interessant zu sein. Versteht mich nicht falsch: Ich habe die Lektüre durchwegs genossen und bin mir sicher, dass 95 % der Leser mit meinen Einwänden nichts anfangen werden können. Es ist vielmehr der Zwang des Rezensenten, nicht nur das Unterhalten- und Mitgenommen-Werden zu loben, das für den Leser, dessen Alltag von anderen Dingen als der Literatur bestimmt wird, das Ausschlaggebende sein wird, sondern auch andere Beurteilungsebenen miteinzubeziehen. Durch dieses Prisma wirkt “Der Trafikant” wie ein unterhaltsames Produkt, das sich pflichtschuldig am Naziterror abarbeitet (obwohl er hier weniger erforscht denn als Spannungselement gebraucht wird) sowie als Bonusfeature (so kommt es einem vor, denn seine Funktion hätte ohne Weiteres von dem Trafikanten übernommen werden können) Sigmund Freud auftreten lässt. Die poetische Tiefe und den historischen Atem von Kappachers Werk erreicht “Der Trafikant” für mich somit nicht. Trotzdem ist es ein wunderbares kleines Buch, das dem Lesen sicher einen Dienst tut und ein wunderbares Geschenk abgibt. (Klingt das snobbish? So ist es nicht gemeint.)

Bottom Line: Ein unterhaltsames, stellenweise berührendes Buch über die erwachende Liebe eines Jungen an der Schwelle der Naziherrschaft in Wien. Auch Sigmund Freud kommt vor. Erwartet euch keinen allzu großen historischen Tiefgang, aber wenn ihr einen guten Feiertags-Read über dem allgemeinen Niveau sucht, könnt ihr mit “Der Trafikant” nichts falsch machen.

Persönlich fand ich den Mix aus Liebesgeschichte, Entwicklungsgeschichte und Historienroman nicht immer gelungen. Ersterer dominiert die anderen beiden Aspekte doch stark. Vor allem hätten der recht abrupt ablaufenden Entwicklung der Hauptfigur ein paar Seiten mehr sicher gut getan. Bedauerlich außerdem, dass weder das Zeitungslesen noch die Psychotherapie die Rolle spielen, die die äußere Form des Buches erwarten lässt.

Aber: Nichts von dem, was mich an dem Buch stört, wird irgendjemanden sonst stören. “Der Trafikant” ist zwar weder besonders originell noch tiefgängig, aber er zeigt Humor, Nachdenklichkeit, einen klaren, flüssigen Schreibstil und enthält einen guten Schuss Wiener Charme. Allein damit dürfte er viele Leser bezaubern.

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