Ein alternder Künstler kehrt an die Stätte der Sommerurlaube seiner Jugend zurück und setzt sich dabei mit der Vergänglichkeit, dem Trug der Inspiration und seiner Vergangenheit auseinander.

Die Handlung von Walter Kappachers Verbeugung vor dem großen Hugo von Hofmannsthal ist schnell zusammengefasst, denn in dem stillen, schmalen Buch des Salzburger Schriftstellers geht es nicht um  große Ereignisse im Leben des anderen Schriftstellers. Nein, vielmehr wird der Leser in den Kopf Hofmannsthals transportiert, als dieser wenige Jahre vor seinem Tod in einer ihn immer schneller hinter sich lassenden Zeit zurückkehrt nach Bad Fusch, den Ort in den Salzburger Bergen, an dem seine Familie einst ihre Sommer verbracht hat. Hofmannsthal, der an einem Herzleiden und allgemeiner Melancholie laboriert, unternimmt in der Zeit seiner Ankunft zu Beginn des Buchs bis zu seiner Abreise wenig bis gar nichts, wie es sich an einem Kurort auch gehört. Allerdings hatte er vorgehabt, an seinem Stück Timon der Redner zu arbeiten, das, wie die Literaturgeschichte weiß, Fragment bleiben wird.

In Hofmannsthals wiederholten, müden Versuchen, in die Inspiration zurückzufinden, die ihn in der Vergangenheit nie im Stich gelassen hat, zeigt Kappacher dem Leser die Innenwelt eines Künstlers, der mit seiner Kunst hadert, eines wahren Künstlers also, wie manche sagen würden. Der Roman, oder die Novelle, wie das Buch Länge und Fokussiertheit nach eher zu bezeichnen ist, thematisiert auch das Altern, beschreibt das Gefühl des Entschwindens der Zeit, die voran in die Zukunft fließt, während das Individuumnotwendigerweise zurückbleiben muss. Immer wieder sucht H., wie der Erzähler ihn nennt, in Fusch das Bekannte, die Bilder seiner Jugend, doch stets sind neue Häuser gebaut, neue Bäume gepflanzt. Er findet sie nicht wieder, die Welt von einst, und auch er ist jetzt ein anderer. Tempus fugit, so hätte man den Roman auch nennen können. Mit der Fliegenpalastmetapher des Titels kann ich mich nicht so recht anfreunden; für mich klingt dabei zu sehr das Satanische an.

Was ist es, das Kappacher hier beschreibt? Es ist kein Mensch, kein Prominenter, sondern es ist ein Prozess, den jeder von uns eines Tages durchmachen wird, und für den hier Hofmannsthal als Veranschaulichung dient. (Eine, zugegeben, mit der Literaturfreunde ihre Freude haben werden; die zahlreichen Referenzen zu Zeitgenossen und der Werkbiografie sind unterhaltsam zu entschlüsseln.) Es ist der Prozess des allmählichen Vergehens, des Zurückbleibens, des Übrigbleibens. Kappachers Hofmannsthal hat das Gefühl, die erste Hälfte seines Lebens bestanden zu haben, nicht aber die zweite. Es gelingt ihm nicht, das richtige Ende zu finden. Eine Furcht, die in der Eitelkeit begründet sein mag, die aber deswegen nicht weniger ernst und real ist. Viele werden sie kennen.

Bottom Line: Ein wehmütiger Klang in der Stille. Schön und traurig. Es empfiehlt sich, zuerst ein wenig Hofmannsthal zu lesen, um in den vollen Genuss des Textes zu kommen.

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 PS: Inwiefern der Text wirklich als Verneigung gesehen werden kann, steht offen zur Diskussion. Nach dem Lesen anderer Blickwinkel auf den Text (wie etwa diesen von Hans-Jürgen Schings) bekommt die Interpretation für mich mehr Relevanz, dass Hofmannsthals Ethos des geniehaften, sich selbst genügenden Dichtens und der Herrschaft der Ästhetik vom trivialen Lauf der Zeit und der gesellschaftlichen Veränderung schlicht und einfach ausgelöscht wird. Insofern ist der Text eher als eine interessante Mischung von Hommage und Bestattung zu sehen, was ihn noch qualitativer macht.