In einem schon etwas älteren Buch mit Essays über Bücher und Autoren schreibt Daniel Kehlmann auch über Stephen King und dessen 2006 erschienenen Roman “Puls”. In “Puls” geht es anscheinend darum, dass die Handystrahlung (oder sonst eine technische Eigenschaft von Handys) die Menschen plötzlich in blindwütige Monster/Zombies verwandelt. Nur eine kleine Gruppe von Leuten bleibt verschont und schlägt sich fortan in einer postapokalyptischen, entvölkerten Welt voller Gefahren durch. Die klassische Survivor-Gang-Story mit King’schem Touch.

Kehlmann beschreibt kurz die Stärke Stephen Kings, die in Büchern wie “Es” oder “The Shining” erkennbar sei: das Unheimliche im Alltag und im scheinbar Normalen herauszukehren wie kaum ein anderer Autor. Zugleich lässt Kehlmann aber auch durchblicken, dass er viele der Bücher Kings für platten, formelhaften Schrott hält, so auch “Puls”, das er als nicht tief gehender beschreibt als jeder beliebige Hollywood-Actionkracher. Die kleine Gruppe der Protagonisten schlägt sich witzelnd und ironisch durch die Masse ihrer ehemaligen Mitmenschen durch, killt sie weg und scheint auch Begegnungen mit ehemaligen Familienmitgliedern recht kaltblütig wegzustecken. Klingt insgesamt recht anstrengend. Kehlmann erwähnt außerdem etwas, das mir an Kings Texten ebenfalls oft auf die Nerven geht: das erzwungene Witzereißen und die angestrengte Ironie seiner Figuren, die wie ein Gegengewicht zur Extravaganz des Plots wirken, dessen King sich vielleicht gar nicht bewusst ist. Schön zu sehen, dass noch jemand das so sieht.

Selbst habe ich das Buch nicht gelesen, aber es klingt mir tatsächlich wie eines, das den niedrigeren Tendenzen Kings folgt und recht unlustig zu lesen ist. Solche Geschichten sind das Risiko einer hohen Produktivität, denn wenn man so viele Ideen hat wie King, dann läuft man Gefahr, manchmal nicht die guten von den schlechten unterscheiden zu können. Als Leser verzeiht man das, solange man nach wie vor die ganzen Klassiker von “Friedhof der Kuscheltiere” bis “ES”, “Shining” und “Wahn” als Option hat.

Zuletzt zeigt Kehlmann noch, wie man ein Buch durch eine andere Lesart völlig verändern kann, auch gegen den Willen des Autors, und wie man dadurch als Leser frei wird und völlige Gestaltungsmacht entwickelt. Kehlmann erwähnt manche Interpretationen durch (wahrscheinlich amerikanische) Kritiker, die die hirnlosen Zombies mit Al-Qaida gleichgesetzt hätten. Dies ergebe aber wenig Sinn, meint Kehlmann, es sei denn, man drehe es um und sehe die kleine Gruppe (Zelle) von Helden als die Terroristen, die schließlich wahllos herumführen und Massen von (aus ihrer Sicht) verstandslosen, gleichgeschalteten, dekadente Musik hörenden “Zombies” töteten. (Sehen Terroristen aus islamischen Ländern die Westler so viel anders?) Diese Möglichkeit, die Helden als Terroristen zu lesen, macht mir fast Lust, das Buch zu lesen, nur um das auszuprobieren. Allerdings schreckt mich dann die Tatsache, dass die Zombies anscheinend irgendwann Flugfähigkeit entwickeln, wieder sehr davon ab. Kehlmanns Text über King war in diesem Fall mit Sicherheit unterhaltsamer als der Text von King selbst. Hoffentlich bringt er mal wieder so eine Sammlung heraus, ist immerhin schon wieder sieben Jahre her und sie war ebenso dünn wie unterhaltsam und angenehm zu lesen.

Das Buch findet ihr hier.