Mein Thrillerhintergrund ist ziemlich dürftig. Ich kenne alle Sherlock-Holmes-Geschichten und einige Agatha-Christie-Romane. Aber das sind natürlich eher klassische Detektivgeschichten. Ansonsten habe ich ein Buch von Sebastian Fitzek gelesen und mehrere angefangen, und das ist so ziemlich mein ganzer Erfahrungshorizont in diesem Genre. Mein persönlicher Lesegeschmack lässt mich nach den ersten paar Thriller-Seiten meistens schon gähnen und alles ganz schrecklich formelhaft und vorhersehbar finden.

Trotzdem dachte ich mir vor Kurzem, ich probiere mal einen der selbst publizierten Thriller aus der Kindle-e-Book-Box aus, nur um zu sehen, was da so geschrieben wird. Meine Wahl, ich weiß nicht mehr genau, warum, vermutlich war es an der Spitze irgendeiner Liste, fiel auf “So bitter die Schuld” von Melisa Schwermer. Der Titel kam mir schon mal sehr thriller-like vor, also lud ich es auf den Reader und las es dann über mehrere Monate.

Dass ich so lange dafür gebraucht habe, liegt nur daran, dass sich, sobald ich mit dem Lesen angefangen hatte, gleich wieder die Thrillerödnis bei mir eingestellt hat, weswegen ich immer nur mal wieder ein paar Seiten las.

Das liegt aber nicht am Buch. “So bitter die Schuld” ist ein sehr griffig und spannend geschriebener Thriller über Morde, die sich in einer größeren deutschen Stadt (war es Frankfurt?) um die ehemaligen Insassen eines Kinderheims für Schwererziehbare abspielen (nicht, es war nicht St. Brutus). Der Roman wird aus mehreren Perspektiven erzählt, der des ermittelnden Helden, Kommissar Fabian, der des/der Bösen und der der Opfer. Die Handlung schreitet relativ schnell voran und es gibt immer wieder einen befriedigenden “Durchbruch”, sodass man als Leser das Gefühl hat, es geht was weiter. Die Figuren waren typische Figuren des Alltags, wie sie in Thrillern gerne vorkommen – Mitglieder einer vage definierten Mittelklasse, als die wir uns alle gern verstehen, mit Alltagsproblemchen, Haustieren und geheimen Hoffnungen und Ängsten. An dieser Front nichts Besonderes. Aber natürlich begehe ich schon wieder den Fehler, den Thriller für etwas zu kritisieren, was einfach nicht in seiner Natur liegt. Im Thriller wollen wir unaufregende, nachvollziehbare Normalos, in deren Schuhe wir uns leicht hineinfühlen können. Besonders tiefe Charakterzeichnung nicht erforderlich.

Aber zurück zur Handlung. Dank einiger gewählter Flashbacks kommt man als Leser relativ schnell drauf, dass es in dem Kinderheim alles andere als koscher zugegangen ist, dass irgendein übles Spiel gespielt wurde und dass es mit dem düsteren Geheimnis der Verbrechen zu tun hat. Dieser Teil des Buchs löst sich ein wenig trivialer (und darf ich sagen unrealistischer?) auf, als man zunächst erwartet hatte. Das Ende ist eher hastig gehalten und nicht so richtig befriedigend, obwohl die offenen Fäden aufgenommen werden. Irgendwie fehlte mir das Extravagante, Spektakuläre, vor allem Psychische. Der Fall wird am Ende recht direkt und ohne große Sherlock Holmes’sche Einlagen gelöst.

Was bleibt dann noch? Die Figur des Kommissars. Jede Thrillerautorin und jeder Thrillerautor will seine eigene Variante davon schaffen, und als Ergebnis haben wir jetzt ganz, ganz viele davon. Melisa Schwermers Fabian Prior war wohl irgendwie sympathisch und nachvollziehbar (das Kapitel mit dem Familienessen wäre trotzdem nicht unbedingt nötig gewesen), aber ansonsten kaum zu unterscheiden von ähnlichen Ermittlern in Fernseh- oder anderen Buchkrimis. Nein, am Ende hat mir das Buch, obwohl es gut zu lesen und ganz atmosphärisch und stimmig war, nicht ganz das gegeben, was ich in Büchern suche, aber das liegt wohl vor allem an meiner Haltung zum Genre. Leuten, die gerne Thriller lesen, würde ich ihn empfehlen.

Bottom Line: Gut geschrieben, fast-paced, aber nicht ganz mein cup of tea. 

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